Erneut steckt Sachsens Kulturfinanzierung in der Krise. Und wieder fordert die Kulturszene, alles unbedingt zu erhalten. Das ist bei sinkenden Mitteln und schrumpfender Bevölkerung aber unrealistisch.
Nach der Corona-Pandemie wollte das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Tourismus mit dem so genannten Kulturdialog als Mitsprache-Projekt herausfinden, was für eine Kultur Sachsen braucht. Der Anspruch war groß, das Ergebnis klein: Man begutachtete das Haus von Keller bis Dach, lobte die solide Bausubstanz – und klärte nicht, wie es für die nächsten Bewohner umgebaut werden muss. Der Kulturdialog blieb so Selbstvergewisserung zum Status quo, ohne strukturelle Vision für die Zukunft von Kunst und Kultur. Die Gegenwart zeigt, dass dies zu wenig war und nun dringend nachgesteuert werden muss.
Sachsen braucht jetzt Ehrlichkeit – zuerst von der Politik selbst. Den stets würdigenden Worten zur Kultur und zum ländlichen Raum müssen endlich finanzpolitisch Taten folgen. Zugleich muss ausgesprochen werden, was alle ahnen: Die Kulturlandschaft wird sich verändern, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nicht ob, sondern wie – mit Konzept und Beteiligung gestaltet, oder ungesteuert durch Kürzungen und Insolvenzen erzwungen. Das verlangt einen offenen Dialog mit Mut zum Argument, der wirklich in die Zukunft denkt. Denn eine Demokratie, die ihre Kultur verhungern lässt, schneidet sich von der Kraft ab, die eine Gesellschaft zusammenhält.
Wie dringend das ist, zeigt die aktuelle Lage. Sachsen ist laut Verfassung ein »der Kultur verpflichteter sozialer Rechtsstaat« und stolz auf eine über Jahrhunderte gewachsene, ständig im Wandel befindliche Kultur. Und doch droht sie in Zeiten wirtschaftlicher Sorgen zur ersten Verhandlungsmasse zu werden, obwohl ihr Anteil am geplanten Rekord-Doppelhaushalt für 2027/28 minimal ist und niemals zur Konsolidierung beiträgt.
Nach Corona hat sich die Kulturlandschaft erholt und ausdifferenziert: Theater bespielen im Sommer Open-Air-Bühnen, freie Künstlerinnen und Künstler tragen Projekte aufs Land, Ehrenamtliche setzen vor Ort neue Vorhaben um. Aus Rettungsprogrammen sind wirksame Kleinförderungen für den ländlichen Raum hervorgegangen, zahlreiche neue Formate entstanden. Getragen wurde dies von einer Wirtschaftslage, die dem Land finanzielle Unterstützung erlaubte. Dass sich Städte und Gemeinden zugleich mangels Mitteln aus der Kulturförderung zurückgezogen haben – einer Pflichtaufgabe nach dem Kulturraumgesetz –, war ein frühes Anzeichen der Krise, die sich nun Bahn bricht.
Denn seit Jahren kämpfen Theater, Orchester, Festivals und weitere Einrichtungen mit Unterfinanzierung. Mit den Sondermitteln des Kulturpakts konnten Theater und Orchester ab 2019 erstmals aus ihren Haustarifverträgen befreit werden – doch schon bald führte der Befreiungsschlag zurück in dieselbe Unterfinanzierung, da Personal-, Material- und Energiekosten stiegen, die Förderung aber gleich blieb. Seit 2025 bindet die jährlich wiederkehrende Debatte über die Förderhöhe Kräfte an der falschen Stelle und schwächt das Vertrauen in die Politik. Das zentrale Problem der nicht ausreichenden Finanztierung hingegen blieb unbearbeitet weiter bestehen
Der Regierungsentwurf zum Doppelhaushalt 2027/28 verschärft dies: Die Kulturräume verharren auf gleicher Förderhöhe und können steigende Kosten nicht auffangen. Die massiv gekürzten Programme der Kulturstiftung gefährden vor allem freie Kunst und Kultur sowie Projekte im ländlichen Raum – und die Stiftung selbst als eines der wirksamsten Förderinstrumente. Die pauschale Kürzung der institutionellen Förderung droht bei freien Trägern ein partielles Sterben einzuleiten.
Wie sich kulturelle Infrastruktur in schrumpfenden ländlichen Räumen erhalten lässt, wurde im Kulturdialog nie ernsthaft gefragt – womöglich schien das Thema zu heikel, dabei verliert man Wahlen eher an der Tankstelle als im Theater. Kultur ist ein starkes Merkmal regionaler Identität, tiefer verankert, als es die tatsächliche Teilhabe vermuten ließe. Sie gehört zur Daseinsvorsorge, ihre Strukturen sind wie die von Schulen oder Krankenhäusern zukunftsfähig aufzustellen.
Jedoch: Selbst die vom Sächsischen Kultursenat und vielen Verbänden immer wieder geforderte Dynamisierung der Kulturraummittel und eine deutliche Erhöhung des Kulturhaushalts würden reale Kostensteigerungen kaum ausgleichen. Deshalb gilt: In schrumpfenden Regionen wird sich die kulturelle Infrastruktur verändern müssen – in fünfzehn Jahren werden wir beispielsweise nicht mehr dieselbe Zahl selbstständiger Theater und Orchester haben. Das zu benennen, ist kein Angriff auf die Kunst, sondern eine Anerkennung der Entwicklung, gepaart mit dem Willen, diese aktiv mit zu gestalten. Denn es geht darum, unabhängig von der institutionellen Form auch zukünftig die Funktion der Stadttheater in ihren Kommunen zu erhalten. Dafür braucht es neue Konzepte, Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Flexibilität bei Kunstschaffenden – sonst drohen Fusionen ohne Fundament oder eine Bereinigung durch Insolvenzen.
Diese Ehrlichkeit muss auch für urbane Ballungsräume und direkt vom Freistaat finanzierte Einrichtungen gelten: Braucht es überall die hohe Dichte an Angeboten, wenn andernorts Strukturen gefährdet sind? Zur verfassungsrechtlichen »Teilnahme an der Kultur für das gesamte Volk« gehört gleichzeitig Solidarität zwischen Stadt und Land – und die offene Benennung ungleicher Grundbedingungen: Wer auf dem Land Kultur macht, arbeitet ohne die Infrastruktur der Städte und kann Personal oft nicht angemessen bezahlen. Ein doppelter Standortnachteil.
Viele freie Träger kamen auf Initiative des Landtags in die Förderung – mehr aus lokalen Antrieb als aus landesweiter Konzeption. Ob Themenschwerpunkte in Film, Musik oder Literatur mehrfach parallel gefördert werden müssen und ob alle Verbände mit überschneidenden Themenfeldern nötig sind, gehört auf den Prüfstand. Und: Langjährig hoch geförderte Institutionen ruhen sich mitunter auf ihrem Status aus und rufen rasch nach mehr, ohne eigene Strukturen zu hinterfragen. Wer Solidarität einfordert, muss den eigenen Beitrag selbstkritisch prüfen.
Ehrlichkeit allein genügt nicht – es braucht die Kraft, den Wandel zu gestalten, mit einer Vision für Kunst und Kultur in unterschiedlich entwickelten Regionen. Statt Zusammenlegungen am Reißbrett braucht es genaues Verhandeln vor Ort, was bleiben muss und was sich bündeln lässt. Kulturelle Bildung muss bis in die kleinsten Dörfer getragen werden – und wo Angebote sich mehrfach überlappen, muss auch tatsächlich gekürzt oder zusammengelegt werden, damit anderswo echte Substanz bleibt. Kommunen brauchen wieder die Befähigung, Kultur eigenständig zu finanzieren, statt Verantwortung auf die Kulturräume zu verlagern.
Das kann die Kulturszene nicht allein leisten – es ist Aufgabe der Landespolitik, diesen Prozess gemeinsam mit Kommunen und Kulturräumen zu führen, ohne Kulturakteure gegeneinander auszuspielen. Auch »Kulturland Sachsen 2030«, der nächste Prozess aus dem Ministerium, kann nur gelingen, wenn er aus den Fehlern des Kulturdialogs lernt und strategisch weitergedacht wird. Nicht bis 2030, sondern bis 2040 und darüber hinaus, damit das Haus für die kommenden Generationen wirklich umgebaut wird, statt es nur zu verwalten.
Albrecht Koch
