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Chöre werden für die Gemeinschaft immer wichtiger

Mein Start als Präsidentin des Sächsischen Chorverbands war 2020 alles andere als einfach: Die Corona-Pandemie bedeutete – wie für die ganze Gesellschaft – einen herben Einschnitt für unser Chorwesen. Die Nachwirkungen spüren wir gefühlt bis heute. Und es wurde in den folgenden Jahren nicht besser: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, die Energiekrise, gesellschaftliche Verunsicherungen mit zunehmenden Polarisierungen in unserem Land, schwierige Haushaltslagen auf allen Ebenen von den Kommunen über die Länder bis hin zum Bund, eine weltpolitische Lage, die auf unser Gemeinwesen bis heute einwirkt – und der wir uns auch als Chorverband, als Sängerinnen und Sänger, nicht entziehen können. Vor allem 2025 haben wir das gespürt: Die vorläufige Haushaltsführung im Freistaat Sachsen entzog uns jegliche Planungssicherheit. Wir mussten Projekte, so das 50. Jubiläum unseres Sächsischen Chorleitungsseminar, verschieben und einkürzen, Ideen, die wir hatten, neu und kleiner denken oder ganz fallen lassen.

Umso mehr mussten wir lernen, wie wichtig stabile Strukturen sind, wie wichtig die Kommunikation untereinander ist – und wie dringend notwendig es ist, dass das Ehrenamt, insbesondere auch unsere Ehrenamtlichen, in den Chorvorständen, verlässlich unterstützt wird.

Wenn wir die letzten Jahre bilanzieren, dann wäre es fatal, wir würden nur die Krisen aufzählen. Auf dem Höhepunkt der Pandemie initiierten wir Deutschlands größten virtuellen Chor mit, der mit gut tausend Videos hörbar machte, dass wir uns nicht stummschalten lassen. Gemeinsam mit dem Deutschen Chorverband richteten wir mit zwei Jahren Verspätung 2022 ein fulminantes Chorfest in Leipzig aus. 2023 vereinbarten wir, mit der EuropaChorAkademie Görlitz zu kooperieren und öffneten uns dadurch mit dem Thema Chorleitungsausbildung über Sachsen hinaus. Im letzten Jahr zeigten wir mit der Unterstützung und Mitausgestaltung des Festkonzerts zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2025 in Chemnitz, welche großartige Chortradition und Chorsinfonik wir in Sachsen haben.

Gleiches wiederholten wir zu Jahresbeginn, als wir mit einem bewegenden und anspruchsvollen Abschlusskonzert die 51. Ausgabe unseres Sächsischen Chorleitungsseminars, eines wichtigen Bausteins unserer Verbandsarbeit, abschlossen. Zu diesen Bausteinen gehört ebenso unser Gewandhaussingen sächsischer Chöre, das der Leipziger Chorverband alljährlich mit großem Herzen ausrichtet und das 2020 und 2021 wegen der Pandemie leider pausieren musste. Dem Enthusiasmus unserer Chöre, dieses große Singfest als Jahreshöhepunkt mitzugestalten, tat dies zum Glück keinen Abbruch. Der Landesjugendchor Sachsen mit seinen jungen Sängerinnen und Sängern, die Sächsische Chorjugend und nicht zuletzt die vielen Initiativen, Konzerte, Veranstaltungen, Auftritte, Workshops und Seminare, Chortreffen und Jubiläen, die engagierten Mühen in den Chören und ihren Vereinen haben über die zurückliegenden, eben nicht leichten Jahre hinweg, den Chorgesang in Sachsen lebendig sein und bleiben lassen. Blättert man die Jahrgänge unserer Verbandszeitschrift »unisono« durch, so spiegelt sich darin ein lebendiges, engagiertes und klangvolles Verbandsleben wider und zeigt: Unser Sächsischer Chorverband hat sich als krisenfest erwiesen. Darauf können wir stolz sein.
Dafür möchte ich als Präsidentin auch meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern im Präsidium und der Geschäftsstelle des SCV danken und insbesondere unseren Regionalverbänden mit ihren Präsidien und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Geschäftsstellen. Ohne unseren Zusammenhalt, das gegenseitige Verständnis, das gemeinsame Agieren und die immerwährende Suche nach neuen Lösungen, für die sich aus sich immer wieder veränderten Situationen ergebenden Herausforderungen wären die zurückliegenden Jahre noch schwerer geworden. Dies ist keineswegs selbstverständlich in einer Zeit, in der viele Debatten schnell eskalieren und die das Miteinander auseinanderfallen lassen.

Als Verband haben wir gezeigt: Wir werden von unseren Chören gebraucht. Für mich war es eine Ehre und Verpflichtung, an seiner Spitze zu stehen. Und aus diesem Grund werde ich auf der Mitgliederversammlung am 5. September für eine weitere Legislatur meinen Hut in den Ring werfen und weiterführen, was wir als Sächsischer Chorverband auf den Weg gebracht haben. Die Zeiten verlangen, noch mehr Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen. Das möchte ich tun und damit das Chorwesen in Sachsen weiter mitgestalten. Ich sehe meine Arbeit in unserem Verband längst noch nicht abgeschlossen. Ich möchte als Politikerin wie als Präsidentin unserem Verband weiter Türen öffnen. Für mich ist unser Chorverband eine wunderbare Abbildung unserer Gesellschaft. Unsere Sängerinnen und Sänger, unsere Ehrenamtlichen in den Chören und Regionen gehören zu dem Teil der Gesellschaft, der in diesen Zeiten nicht auf der Couch sitzen bleibt, meckert und zuschaut. Sie stehen auf, tun etwas, bringen sich in das gesellschaftliche Miteinander ein und schaffen Gemeinsinn und soziale Bindungen zu ihren Mitmenschen. Täglich zu erleben, wie unsere Chöre agieren, proben und vor ihrem Publikum auftreten, erdet mich als Politikerin in meinem eigenen Tun. Es erinnert mich daran, dass Politik nie nur aus Sitzungen, Papieren und Haushaltszahlen bestehen darf. Es geht in der Politik um Menschen. Für diese da zu sein, muss die dringlichste Aufgabe sein. Vor uns liegt eine immense Arbeit, in der Gesellschaft wie in unserem Landesverband.

Wie sichern wir Chorleitungen? Wie stärken wir das Ehrenamt? Wie sorgen wir dafür, dass Kultur nicht nur dort stattfindet, wo ohnehin schon viele Möglichkeiten bestehen? Wie halten wir gerade im ländlichen Raum Orte lebendig, an denen Menschen zusammenkommen und singen? Das sind nur einige Fragen, die wir klären müssen. Ich bin überzeugt: Chöre werden in Zukunft nicht weniger wichtig, sondern ganz im Gegenteil. Weil sie etwas schaffen, was unsere Gesellschaft dringend braucht: Orte, an denen Menschen lernen, miteinander auszukommen. Vielleicht ist ein Chor sogar eines der schönsten Gegenbilder zu unserer Zeit: Unterschiedliche Stimmen, unterschiedliche Rollen — und trotzdem entsteht Gemeinschaft.

Als Verband müssen wir für unsere Chöre Verlässlichkeit schaffen für Projekte, für die Nachwuchsarbeit, für die Chorarbeit an den Schulen und Kindereinrichtungen, für stabile Chorleitungen und deren Ausbildung. Wir müssen raus aus diesem Krisenmodus, der uns schon viel zu lange begleitet. Irgendwann reicht es nicht mehr, den einen Brand zu löschen und zu warten, an welcher Stelle der nächste aufflammt. Wir brauchen klare politische Entscheidungen und Planungssicherheit. Wenn Kosten steigen, dann darf die Förderung nicht gleichbleiben, denn das kürzt unsere Möglichkeiten. Chöre müssen als kulturelle Infrastruktur wahr- und ernst genommen werden. Sie zu unterstützen ist nicht nur eine finanzielle Frage und schon gar kein Luxus, sondern muss gesellschaftlich anerkannt sein. Chorarbeit ist ein Grundpfeiler unseres Zusammenlebens. Gerade im ländlichen Raum sind Chöre oft viel mehr als ein musikalisches Angebot: Sie sind Treffpunkte, Orte der Begegnung, ein Stück Zuhause und Zusammenhalt. Chöre verbinden Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft, Beruf oder sozialem Status. Wir brauchen die Chorarbeit als gesellschaftlichen Stabilitätsfaktor.

Wenn wir wollen, dass es auch in 20 Jahren eine lebendige Chorlandschaft gibt, müssen wir jetzt die Voraussetzungen schaffen. Dazu gehören mehr Raum für Musik in Schulen, bessere Ausbildungsmöglichkeiten für Chorleitende, Nachwuchsgewinnung, starke Vereine vor Ort und Menschen, die sich engagieren.

Mit der chor.com werden wir in diesem Jahr wie in den Jahren 2028 und 2030 als Chorverband die Möglichkeit haben, auf unsere Chorlandschaft und auf deren musikalische Qualität, Vielfalt und auf das Engagement unserer ehrenamtlichen Akteure aufmerksam zu machen. Die chor.com ist für uns dabei eine Chance, denn sie fördert den Austausch, inspiriert mit neuen Ideen und vernetzt die Chorwelten regional, national und international miteinander. Wir können drei Mal die chor.com mitgestalten. Ideen dazu kann jeder Chor einbringen. In diesem Jahr werden wir uns als Landesverband gemeinsam mit Thüringen und Sachsen-Anhalt präsentieren und eine ostdeutsches Chorland zusammendenken. Wir werden das Podium in Leipzig nutzen, um kundzutun, was unsere Laienchöre leisten und wie sie Verantwortung für Kultur in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung übernehmen und Orte schaffen, an denen Menschen sich zuhören.

Vor 20 Jahren hat sich unser Landesverband aus fünf konkurrierenden, einzeln agierenden Verbänden gebildet. Heute sind wir ein Landesverband mit vier starken Regionalverbänden, der Sächsischen Chorjugend und einem über Sachsens Grenzen hinaus geschätzten Landesjugendchor. Die Regionalität macht den Sächsischen Chorverband aus. Chöre in Leipzig haben andere Herausforderungen als jene im ländlichen Erzgebirge. In den Präsidien und Geschäftsstellen unserer Regionalverbände kennt man diese Herausforderungen wie auch die Menschen vor Ort und weiß, was benötigt wird und unterstützt werden muss. Die Aufgabe unseres Landesverbandes ist, dies aufzunehmen, Erfahrungen zusammenzubringen, den Austausch zu fördern, zu vernetzen, Strukturen zu schaffen und nicht zuletzt auch finanzielle Rahmen zu ermöglichen. Wir haben mit unseren 260 Chören, den etwa 8000 Sängerinnen und Sängern im Freistaat, mit unserer Chorjugend, mit dem Landesjugendchor Sachsen und unseren Verbindungen zum Deutschen Chorverband ein ausbaufähiges Potenzial, um das Chorwesen in Sachsen als Kulturgut zu bewahren.

Wir werden am 5. September im Anschluss an die Mitgliederversammlung zwei Jahrzehnte Engagement, Ehrenamt, Gemeinschaft und Kultur in allen Regionen Sachsens feiern. Und feiern damit, was unseren Sächsischen Chorverband ausmacht.


Quelle: unisono 02/2026, Zeitschrift des Sächsischen Chorverbandes e.V.

Luise Neuhaus-Wartenberg
Foto: © DOC WINKLER Photography

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