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Wenn das kein schöner Tag ist!

Bundespräsident Joachim Gauck verlieh in Zwickau die Zelter- und Pro-Musica-Plaketten

Die Rede des Bundespräsidenten am 30.03.2014 in Zwickau

Es gibt kaum schönere Gründe zusammenzukommen als die gemeinsame Freude an der Musik. Diese Freude am Musizieren und am Singen führt uns heute zusammen, am aktiven Spielen und Vortragen genauso wie am Zuhören und Genießen. Es gehört zu den mir besonders kostbaren Aufgaben des Bundespräsidenten, dass er, seit den Zeiten der ersten Amtsinhaber, zwei begehrte Plaketten vergibt: die Zelter-Plakette an traditionsreiche Chöre und die Pro-Musica-Plakette an Orchester und Musikvereinigungen, die auf eine mindestens hundertjährige Geschichte zurückblicken können. Deswegen habe ich mich sehr auf diesen Tag gefreut, an dem ich selber nun zum ersten Mal diese Tradition fortsetzen darf.

Denn was feiern wir heute mit diesem Festakt? Wir feiern, erstens, natürlich die Musik selber. Die Musik, die uns aus den Sorgen und Beschwerden des Alltags immer wieder herausholen kann. Die Musik, die unseren Sorgen und Beschwerden, die aber noch viel lieber und viel mehr unseren Hoffnungen, unserer Freude, unserem Jubel und unserem Dank Ausdruck geben kann – indem sie diesen tiefen, uns elementaren menschlichen Gefühlen und Empfindungen buchstäblich Töne gibt.

Die Seele kann ausschwingen. Die Seele bekommt Flügel, so hat es die deutsche Romantik ausgedrückt. Das war jene Zeit, in der die Wurzel der Bewegung liegt, in der überall in unseren Landen die Musik und die Lieder als ursprünglicher Besitz des Volkes entdeckt – oder auch erfunden – wurden, das Volkslied und die Volksmusik in der ursprünglichen, unverfälschten und schönsten Bedeutung dieser Worte.

Wir feiern die Musik, die als vielleicht unmittelbarste aller Künste uns schon beim Hören Herz und Sinn weiten kann, erst recht aber, wenn wir selber singen und musizieren. Die Musik ist zuerst und zuletzt keine Sache von Profis, so sehr wir uns daran freuen, wenn wir Zeugen glanzvoller oder gar kongenialer Interpretationen werden. Sie ist zuerst und zuletzt Sache der »Laien«, das kommt aus dem Griechischen und meint das Volk. Und sie ist Sache der Amateure, das wiederum kommt aus dem Französischen und meint die Liebhaber.

Musik als Sache des Volkes und der Liebhaber, das ist die Musik, wie sie in den Chören und Orchestern gemacht wird, die der Bundespräsident auszeichnet – und das ist ein sehr großer Schatz, über den wir uns alle zusammen nicht genug freuen können.

Wir feiern, zum Zweiten, auch unser Land, unsere deutsche Kultur. Musik und Lied gehen zu Herzen, wie wir sagen. Manchmal benutzen wir noch ein anderes Wort, und wir sagen: Musik und Lied gehen ins Gemüt und sie kommen aus dem Gemüt. Dieses ist nun ein einzigartiges deutsches Wort, eigentlich unübersetzbar. Im »Gemüt« werden Sinn und Herz und Seele auf eine besondere Art zusammengefasst – und der »Mut« gehört sprachlich auch dazu, also das, was uns dann neu zum Handeln und zum praktischen Leben ermuntert und ermächtigt. Die Musik, die aus dem Gemüt kommt und ins Gemüt geht, sie gehört wie weniges sonst zu unserer deutschen Kultur, zu unserer deutschen Identität.

Auch deswegen genießen deutsche Orchester und Chöre Weltruf, deswegen werden die Komponisten, besonders der deutschen Klassik und Romantik, überall als besonders typischer Ausdruck unserer Kultur, unseres deutschen Gemüts angesehen und, ja, verehrt.

Die vielen Chöre und Musikgruppen in unserem Land pflegen deswegen eine sehr besondere Tradition, ein sehr besonderes Erbe: Sie sind – gerade als Laien, gerade als Amateure – in einem eminenten Sinn Träger und Überlieferer unserer deutschen Kultur.

Wir feiern heute, zum Dritten, die Menschen, die sich um diese Chöre und diese Tradition verdient gemacht haben und sich tagtäglich verdient machen. Seit so langer Zeit! 1914, vor 100 Jahren – wenn wir einmal nur auf die schauen, die heute ausgezeichnet werden – vor 100 Jahren also war die Welt weniger komfortabel als heute: praktisch noch ohne Autos, ohne Kopiergeräte, ohne Radio und Fernsehen, ohne Smartphones und ohne E-Mails. Und da haben sich Leute versammelt, um regelmäßig gemeinsam Musik für sich selber und für andere zu machen. Engagiert und unbeirrbar und allen Widrigkeiten zum Trotz haben sie daran festgehalten.

Deswegen sage ich: Wenn wir in diesem Jahr große historische Gedenktage begehen und uns der großen Wendepunkte der Geschichte erinnern – vor 100 Jahren Beginn des Ersten Weltkrieges, vor 75 Jahren Beginn des Zweiten Weltkrieges, vor 25 Jahren Fall der Mauer und Freiheit für unser ganzes Land – dann wollen wir die guten Kontinuitäten nicht vergessen, die durch alle historischen Glücksfälle und Katastrophen, bei allem Unglück und allem Triumph, die Menschen in den Chören und Musikgruppen beieinander gehalten haben.

Ich habe gerade von guten Kontinuitäten gesprochen. Dabei allerdings ist mir bewusst geworden, dass die Geschichte des deutschen Chorgesangs auch geprägt ist von Brüchen und Diskontinuitäten. Wie oft wurde unter unterschiedlichen Fahnen aufgespielt zu demokratiefeindlichem oder gar menschenverachtendem Tun und Treiben. Wie oft verführten Gesang und Musik Menschen zur Hingabe an falsche Ziele. Es wurde leider auch dort gesungen, wo Schweigen oder Protestgeschrei richtiger gewesen wären.

Aber festhalten wollen wir auch, mit welcher Zähigkeit und Entschiedenheit, mit welcher inneren Stärke und vielleicht auch mit welchem Trotz Menschen in Zeiten von Diktatur als Musiker und Sängerinnen eine Kultur des menschlichen Zusammenlebens bewahrt, sich oftmals eine kulturelle Gegenwelt geschaffen haben. Eine Gegenwirklichkeit, die Menschen davor bewahren konnte, sich den politischen Verführern auszuliefern, einen Raum der Ermutigung der einen durch die anderen.

All das machen wir uns bewusst, wenn wir heute tausende von Chören, Musikgruppen und Orchestern feiern, die mehr als 100 Jahre alt geworden sind. Das ist – gerade für mich als deutscher Bundespräsident – Grund zu Freude und Dankbarkeit.

Wir feiern die Musik, wir feiern unsere Kultur und wir feiern die Menschen, die ihre Kraft und ihre Zeit dafür einsetzen. Dreimal also ein Grund zum Feiern: Wenn das kein schöner Tag ist!

(aus: www.bundespraesident.de; 30.03.2014)

Bild: Bundespräsident Joachim Gauck überreicht die Pro-Musica-Plakette an den musikalischen Leiter des Bandoneon Orchesters e.V., Bernd Junghans, und an die Vorsitzende, Hannelore Ludewig

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