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Sieben Tage Karelien – Das Landesjugendorchester auf Reisen

Sechs Wochen nach dem Ende des Russland-Deutschland-Jahres 2012/13, welches in besonderem Maße die Förderung des Kulturaustausches beider Länder bezweckte, führte auch der Sächsische Musikrat in diesem Sinne sein nunmehr 45. Projekt des Landesjugendorchesters Sachsen durch.

In der Landesmusikakademie Sachsen auf Schloss Colditz bekam das Landesjugendorchester Sachsen Besuch von 24 jungen Musikern aus der russischen Republik Karelien. Gemeinsam erarbeitete das Projektorchester unter Dirigent Milko Kersten ein vielfältiges Programm, unter anderem mit zwei Solokonzerten, welche von karelischen Solisten am Bajan und am Klavier gespielt wurden. Das Bajan-Konzert „Bellow-Unbottened“ wurde von Hans-Peter Preu eigens für das Landesjugendorchester Sachsen komponiert und in den Konzerten in Grimma und Dresden uraufgeführt.

Dem Besuch der Karelier in Sachsen folgte zwei Wochen später unser Gegenbesuch in der karelischen Hauptstadt Petrozavodsk. Dort gaben wir zwei Konzerte, führten einen Dirigier-Workshop durch, besuchten das Deutsch-Russische Kulturzentrum und die Insel Kischi, bevor wir nach St. Petersburg fuhren, um ein letztes Konzert zu geben.

Petrozavodsk ist mit 261.987 Einwohnern die größte Stadt in der Republik. Mehr als ein Drittel der Einwohner Kareliens leben hier, wobei die Bevölkerungsdichte in der Republik allgemein gerade einmal 3,6 Einw./Km² beträgt. Petrozavodsk liegt rund 400km nordöstlich von Sankt Petersburg am Onegasee, dem zweitgrößten See Europas, und entstand als Siedlung für die Arbeiter des 1703 durch Peter den Großen gegründete Eisen- und Kanonenwerks (Petrosavod: „das Peter-Werk“). Peter der Große gründete auch die heutige Großstadt St. Petersburg, welche das Orchester am Ende seiner Reise besuchte.

In Petrozavodsk gibt es neben einem Konservatorium auch das Petrozavodsk College of Music „K. E. Rautio“, benannt nach einem karelischen Komponisten, in welchem junge Musiker nach dem Schulabschluss in Vorbereitung auf das Musikstudium unterrichtet werden. Aus dem College stammten die russischen Teilnehmer unseres Projektorchesters. Im Konzertsaal des Colleges präsentierten sich am zweiten Abend die beiden Orchesterteile – Karelier und Sachsen – in einem Kammermusikkonzert der Öffentlichkeit.

Nach einer Wiederaufnahmeprobe folgte am dritten Tag des Russlandaufenthaltes das große Konzert in der Konzerthalle des Konservatoriums, welche sowohl durch ihre Akustik als auch durch ihre Größe hervorragende Bedingungen für das Konzert bot. Das Publikum war sehr angetan und dankte dem Orchester mit stehenden Ovationen.

Das Vergnügen, in diesem Saal zu spielen, hatte der sächsische Teil des Orchesters auch am vierten Tag. In einem Dirigier-Workshop, welchen Milko Kersten durchführte, bekamen vier studentische Teilnehmer aus Petrozavodsk die Möglichkeit, sich Ratschläge vom Dresdner Dirigenten geben zu lassen. Auch das Orchester lernte dazu. Am letzten Abend unseres Aufenthaltes in Petrozavodsk  empfing man uns im Deutsch-Russischen Zentrum für einen Begegnungs- und Abschiedsabend. Es wurde viel getanzt und gesungen – zunächst für uns und anschließend mit uns. Ein schöner Abschluss für unsere Zeit in Petrozavodsk.

Einen besonderen Höhepunkt auf unserer Reise stellte der Besuch der Insel Kischi dar. Die Insel liegt im Onegasee und ihre über 300 Jahre alten Kirchen und Bauten in Holzbauweise zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Nachdem wir auf der Straße, in der Luft, auf dem Wasser und auf der Schiene unterwegs waren, begaben wir uns, in St. Petersburg angekommen, in den Untergrund. Mit der Metro fuhren wir in die Innenstadt und sahen uns die Sehenswürdigkeiten an.  In St. Petersburg sah man sich am Nachmittag aufgrund der Wetterlage leider gezwungen, das geplante Konzert auf dem Dach eines alten Fabrikgebäudes mit einem anderen Programm durchzuführen. Sensible Instrumente wurden geschont, Blech und Schlagwerk spielten dennoch und die übrigen Orchestermitglieder sangen als Chor einige Lieder acapella. Diese Variante kam beim Petersburger Publikum über den Dächern der Stadt glücklicherweise gut an.

Erwähnenswert ist auch unsere Unterbringung in jenem Fabrikgebäude: Ein Haus in dem kein Zimmer gleich aussieht - originaler Industrielook, Designerzimmer, Kunstgalerien und Ateliers ergaben eine sehr interessante Umgebung für die Zimmer des Hostels.

Wie sich schon an der russischen Grenze ankündigte, gab es vor allem in Petrozavodsk einige sprachliche Barrieren. Unser Assistent des Dirigenten Vitali Aleschkewitsch und seine Frau Angelika haben für uns unermüdlich zwischen Deutsch und Russisch übersetzt. Während der Proben und in der Kommunikation mit allen russischen Kollegen und Partnern waren sie für uns unverzichtbar. In meiner Gastfamilie jedoch war ich auf den Einsatz neuester Technologien angewiesen, um mich mit meinen Gastgebern zu verständigen. Wie sich später herausstellte, war an der Entwicklung meiner Übersetzungs-App die Softwarefirma jenes jungen Mannes beteiligt, welcher für uns den gesamten Petersburger Teil der Reise organisiert hatte. Danke, Nikita!

Wir sind neugierig geworden auf weitere Länder und würden uns freuen, bald wieder als Kulturbotschafter des Freistaates Sachsen unseren musikalischen Fingerabdruck in fremde Länder zu bringen.
Jasko Dolezalek

Foto: Angelika Luft

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