Personalia |

Jan Paul Nagel

Zum 80. Geburtstag einer Künstlerpersönlichkeit, die die neuere Geschichte der Sorben beeinflusst hat

Am 8. Mai 2014 wäre unser ehemaliges Einzelmitglied im Sächsischen Musikrat, Jan Paul Nagel, 80 Jahre alt geworden. Viel zu früh riss ihn eine schwere Krankheit aus unserer Mitte. Sein erfülltes Leben, sein verdienstvolles Wirken für die sorbische Nationalkultur werden immer in unserer Erinnerung bleiben; viele werden sich auch stets an sein umgängliches Wesen, seine Freude an Diskussionen und Meinungsaustausch mit Interpreten und Kollegen erinnern. Jan Paul Nagel gehört zur Generation jener namhaften sorbischen Komponisten, die nach der Befreiung vom Faschismus zum beachtlichen Aufschwung der neueren Musikkultur des kleinsten slawischen Volkes maßgeblich beigetragen hat.

Schon als Kind wusste er, dass er sein Leben der Musik widmen wollte. Als 14-jähriger spielte Orgel in der Kirche in Lohsa, ging dann nach Görlitz zur Kirchenmusikschule und später zum Musikstudium nach Berlin. Sein überaus umfangreiches Schaffen umfasst Sinfonik, Vokalsinfonik, Kammermusik, Kunstlieder, Chöre, sakrale Musik und eine noch nicht aufgeführte Oper. Sein gesamtes Wirken – sowohl im Musikschöpferischen als auch im Musikpraktischen – ist von größter Vielseitigkeit geprägt, womit er sich Anerkennung weit über die Grenzen der Lausitz hinaus erworben hat.
Nagel betrieb Feldforschung über das sorbische Volkslied, begeisterte sich für diese originellen Volksweisen und bewunderte die fröhliche Mentalität der Bauern. Unerschütterlicher Popularität erfreuen sich seine Zehn sorbischen Tänze. Der italienische Dirigent Gabriele Donà meint dazu: »Sie sind das Ergebnis seines produktiven Befassens mit authentischem Volksliedgut sowie gleichzeitig schöpferische Adaption aus zeitgenössischer Empfindung heraus. Dabei schreckt Nagel nicht zurück vor der Anwendung von ungewöhnlichen Spieltechniken«. Mit Šunowska / Der SchönauerBorkowska / Der Burger, und  Łazowska / Der Lohsaer setzte er liebevolle kleine musikalische Denkmäler für diese Lausitzer Orte.

Nachdem er  1990  zum Vorsitzenden Der Domowina gewählt worden war, setzte er sich über ein Jahr lang mit all seinen schon geschwächten  Kräften für die Belange der Sorben ein. Die Gründung der Stiftung für das sorbische Volk 1991 in Lohsa, aber auch die Entstehung der Neuen Lausitzer Philharmonie waren die wichtigsten sichtbaren Ergebnisse seiner Bemühungen.

Ich habe Jan Paul Nagel Anfang der 1980-er Jahre kennengelernt. Ich studierte seine Stücke und führte seitdem alle sein Kompositionen für und mit Klavier auf. Ich wurde von der Bekanntschaft mit ihm geprägt. Der Künstlerische Austausch mit seinen Interpreten muss eine Quelle der Inspiration für ihn gewesen sein, für uns war er eine starke Motivation. Ich besuchte ihn oft in Litschen; die Aufführungen einiger seiner Kompositionen in seiner Stube, an seinem Flügel, sind mir heute noch sehr wach in Erinnerung. Mich beeindruckte zutiefst seine Begeisterung für Schlagwerkinstrumente, die Fantasie und Beharrlichkeit, mit der er sich neue Instrumente ausdachte und bauen ließ: die ENA-Trommel, Drewjaki (Klanghölzer), Banjaki (Kürbisrasseln). Ich übernahm unbewusst von ihm die Begeisterung für lebendige Rhythmen, variable Metren und alles, was mit dem Herzschlag in der Musik zu tun hat.

Als er merkte, dass seine Kräfte allmählich schwanden, bat er mich, seinen Platz im Sächsischen Musikrat als Einzelmitglied einzunehmen. Nun wäre er achtzig Jahre alt. Auch wenn er schon seit 17 Jahren nicht mehr unter uns weilt – seine Musik ist unter uns und wird dort bleiben.

Liana Bertók

Jan Paul Nagel
Foto: Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus Lohsa

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