Fünf von zehn Konzerten des diesjährigen Internationalen Festivals für Vokalmusik sind vorüber. Renaissance-Kompositionen, A-cappella-Pop mit Electro-Versatz und Vokalmusik querbeet gab es bereits zu Hören. Und wenn auch nicht zu bezweifeln war, dass all dies auf höchstem Niveau stattfindet, so hat doch jeder Abend auf seine Weise überrascht.
Amarcord, die Leipziger Gastgeber und kreativ-organisatorischen Köpfe hinter »a cappella« bewiesen im Eröffnungskonzert in der Peterskirche einmal mehr, wie stilsicher sie sich auf den verschiedensten vokalen Böden bewegen. Diesmal hatten sich die fünf Herren geistliche Renaissance-Werke aus Großbritannien – eine Messe von William Byrd und Motetten von Thomas Tallis – auf die Pulte gelegt. Von britischen Ensembles geschult und mit hohem Anspruch beseelt, fand amarcord den sprichwörtlich richtigen Ton für diese sich stetig weiterentwickelnde, feinsinnig-kunstvolle Musik, schritt deren Strukturen musikalisch passend aus und versetzte die ausverkaufte Peterskirche mit einem homogenen, sanften Klangbett in einen kontemplativen, andächtig genießenden Zustand.
Das belgische Künstlerkollektiv graindelavoix präsentierte am folgenden Abend in der Thomaskirche eine nicht minder schöne, aber im Grunde völlig gegensätzliche Lesart alter Vokalpolyphonie. Johannes Ockeghems »Missa Caput« wird von ihnen eine Quarte tiefer gesetzt, mit alten Verzierungstechniken und Folk-artigem Stimmklang versehen und klingt daher wie aus einer anderen klanglichen Welt – nicht wie meist gehört weich und innig, sondern kernig, kraftvoll, expressiv und sogar etwas orientalisch angehaucht, kurz: nicht aus dem Lehrbuch, sondern tief aus Herz und Bauch heraus. Gekrönt wurde diese eigenwillige, bereichernde Interpretation mit dem Kunststück, das gesamte Programm auswendig, ohne Partitur aufzuführen. Zuvor fanden an diesem Tag bereits die beiden Familienkonzerte mit den Leipzigerinnen Sjaella statt. Die sechs jungen Damen überzeugten die anwesenden kleinen und großen Zuhörer nicht nur mit ihrem fabelhaftem Gesang – in ihrer eigenen Altersklasse nach wie vor eine Klasse für sich –, sondern machten dem oft gebrauchten Wort der »musikalischen Reise« einmal alle Ehre: Lieder der verschiedensten Epochen, Stile und Sprachen brachten sie in einer Reise-Geschichte unter, die die Kindern durch einen Erzähler, gemalte Bilder und eben wunderbar gesungene, neckisch choreografierte Musikstücke in ihren Bann zog. Das hat beim »a cappella«-Familienkonzert so auch noch niemand gemacht.
Damit gilt auf für die zweite Halbzeit con »a cappella«: Wir erwarten nur das Beste und lassen uns überraschen.
