Rezension |

… eines Freundes Freund zu sein

Ein besonderes Gedenkkonzert des Sorbischen National-Ensembles

2014 ist ein besonderes Jahr: Hundert Jahre Beginn des 1. Weltkrieges, 75 Jahre seit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, 25 Jahre Friedliche Revolution. Diese Ereignisse bedürfen besonderer Würdigung. Auch das Sorbische National-Ensemble Bautzen hat nach Möglichkeiten gesucht, der historischen Daten würdig zu gedenken. Am 6. November 2014 lud es zu einem besonderen Konzert an einen besonderen Ort. Görlitz, die Stadt an der Oder, an der Grenze zu Polen und doch im Herzen des zusammenwachsenden Europa. Die sehr schöne, im Jugendstil gehaltene Kreuzkirche wurde zum Konzertpodium. Etwa 300 Zuhörer folgten der Einladung zum Konzert mit Beethovens 9. Sinfonie und Kocors Ouvertüre zu »Serbski kwas« (Sorbische Hochzeit).

Die sorbische Hochzeit ist traditionell ein Volksfest, das über mehrere Tage begangen wird. Kocors Komposition will der damit verbundenen Lebensfreude Ausdruck verleihen. Die Mitte des 19. Jahrhunderts für ein Gesangsfest geschaffene Komposition erklang in einer Orchesterfassung, die Hubert Kross Ende der 1990er Jahre geschaffen hat.

Lebensfreude ist das thematische Bindeglied zum Hauptwerk des Abends, Beethovens wohl berühmtester und universellster Sinfonie. Durch die Geschichte der Deutschen, auch die der deutschen Teilung, ziehen sich die Interpretationen des Werkes. Ansatzpunkte, dieses anspruchsvolle Werk zu diesem Anlass aufzuführen, gibt es viele. Einige davon benannte die Intendantin in ihren Begrüßungsworten. Allerdings sind Chor und Orchester des Sorbischen Nationalensembles, mit 16 Sängern und 22 Instrumentalisten alleine zu wenig, um dem Werk gerecht zu werden.

Dank der Förderung durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds konnten mehrere Orchester und Chöre für dieses Konzert, für dieses Werk zusammengeführt werden.

Zu Chor und Orchester des Sorbischen National-Ensembles kam das Orchester des Theaters Liberec, der Chor des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz sowie der Coro di Praga. Die Nationenvielfalt dieser Ensembles wurde noch durch die vier Solisten erweitert, Ute Selbig aus Dresden, die aus Polen stammende Ewa Zeuner, den in Amerika geborenen Simon Esper und den Koreaner Jae-Hyung Cho. Schließlich stammt der Dirigent des Abends, am Sorbischen Nationalensemble als Chordirektor und Kapellmeister engagiert, aus Padua in Norditalien.

Schon allein das gemeinsame Probieren und Musizieren in diesem internationalen Kontext macht die Völkerverständigung, die Überwindung von Trennung und Fremdheit, die die historischen Anlässe verbindet, sinnlich wahrnehmbar und hautnah erlebbar. Dies war dann auch im Konzert deutlich zu spüren. Gleichzeitig ist die Gemeinsamkeit Basis gewesen, sich einem Werk zu nähern, das von den Einzelensembles allein nicht in Angriff genommen werden konnte. Hier wurde künstlerische Förderung durch die Herausforderung praktiziert. Und wenn man dann am Abend die Zuhörer erlebte, die erwartungsfroh gekommen und durch die großartige Musik bewegt wurden, die sich anstecken ließen vom großartigen Gestus der Musik und den idealen Gedanken des Textes und herzlich applaudierten, dann hat das Konzert viel bewirkt.

Jens Daniel Schubert

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