07.09.2014
Eine Hommage an Uwe Scholz

Zeitsprünge

Getanzt wurde bei Uwe Scholz im klassischen Stil, so der Tanzjournalist und Autor Klaus Geitel über das Meisterwerk des Choreografen »Große Messe«, zu Mozarts unvollendeter Komposition und korrespondierenden Klängen des 20. Jahrhunderts von György Kurtág und Arvo Pärt, uraufgeführt in Leipzig, am 14. Februar vor siebzehn Jahren. Für Klaus Geitel fügt sich in diesem Werk exemplarisch „zum Goldenen Schnitt der Renaissance heutigentags sozusagen der Goldene Schritt.“ Er bewundert an den choreografischen Arbeiten von Uwe Scholz deren „Klarschrift“, Es wird „keine tiefere Bedeutung herbeigestrampelt oder getrampelt. Es gibt keine Verrenkungen um der Verrenkungen willen.“


Als Opernintendant Udo Zimmermann Scholz 1991 nach Leipzig holte, blieben dem 1958 geborenen Choreografen bis zu seinem frühen Tod am 21, November 2004 noch knapp dreizehn Jahre, in denen er hier fünfzehn Werke kreierte. Darunter so bedeutende Schöpfungen wie die erwähnte »Große Messe«, »Bach-Kreationen«, »Bruckners Achte Sinfonie« oder »Le Sacre du Printemps« in der außergewöhnlichen Doppelfassung als Solo für Giovanni die Palma mit der musikalischen Fassung für zwei Klaviere und in der Orchesterfassung für das ganze Ballett. Es sollte für Leipzig nur noch der Abend »Scholz-Notizen 1« folgen; Premiere war am 22. Mai 2004. Abschied – so erschließt es sich in der Erinnerung – hatte der Künstler wohl schon mit seiner Kreation »Fragmente Winterreise« für den Ausnahmetänzer Vladimir Derevianko ein Jahr zuvor in der Dresdner Semperoper genommen.


Uwe Scholz, der 1977 begann, choreografisch zu arbeiten, damals Tänzer beim berühmten Stuttgarter Ballett und darin von keiner Geringeren als dessen Chefin Marcia Haydée befördert, schuf in 27 Jahren 67 Choreografien, darunter etliche Handlungsballette wie »Rot und Schwarz« und weitere abendfüllende Werke. 


Unter dem Titel »Zeitsprünge  - Leaps in Time« ist ein umfangreicher Band erschienen, in dem die künstlerische Arbeit und Entwicklung des Choreografen dokumentiert, kommentiert und mit reichem Bildmaterial gewürdigt wird. Den Herausgeberinnen Nadja Kadel und Kati Burchard gilt höchste Anerkennung für dieses überfällige Dokument. Von den 67 dokumentarisch aufgeführten Werken werden sechzehn Kreationen exemplarisch näher betrachtet und vor allem anhand der Fotostrecken in die Erinnerung gerufen. Interessant sind die Möglichkeiten, mitunter Fotodokumente verschiedener Einstudierungen zu sehen, von besonderem Interesse dürften auch die gänzlich historischen Aufnahmen sein, etwa »Air«, 1982 in Stuttgart und im Vergleich in Leipzig 2007 mit Oksana Kulchytska, Remy Fichet, Tatjana Paunovic und Sebastien Colau. Für die damaligen Stars in Stuttgart, Marcia Haydée und Birgit Keil kreierte Scholz 1984 »Stabat Mater« zur Musik von Pergolesi. Auch hier im Bild der Vergleich mit Leipzig 2007, Maiko Oishi und Kiyoko Kimura. 

Birgit Keil, jetzt Chefin des Balletts am Badischen Staatstheater Karlsruhe, erinnert sich im Interview an die Arbeit. Uwe Scholz war für die große Ballerina „Wie ein zarter, empfindsamer junger Vogel mit großen, oft traurigen Augen.“ Besser kann man auch das Foto des jungen Tänzers von 1985 nicht beschreiben.

Auf 215 großformatigen Seiten mit Dokumentationen und biografischen Daten gibt es zur Auswahl der erwähnten Choreografien jeweils eine Werkanalyse des Berliner Tanzjournalisten Volkmar Draeger. Es handelt sich hier um so anregende wie eindrückliche Beschreibungen der Stücke, denen jeweils knappe Ausführungen zur Entstehung und Wirkung folgen. Es ist den Herausgeberinnen gelungen, zu jeder im Band beschriebenen Aufführungen kompetente Partner zu finden, die im Gespräch oder in essayistischer Form Erinnerungen an die gemeinsame Arbeit, verbunden mit Werkeinschätzungen, authentisch und persönlich Auskunft geben. Von besonderem Interesse dürfte ein Gespräch mit dem jüngst verstorbenen Dirigenten André Presser über den Entstehungsprozess der Choreografie »Die Schöpfung«, 1985 in Zürich, und weitere Begegnungen mit Uwe Scholz sein, etwa die berührende Erinnerung an den schon schwer von Krankheit gezeichneten Künstler im Jahre 2000 in Leipzig. 

Der Choreograf und Leipziger Nachfolger von Uwe Scholz, Paul Chalmer, schreibt über die Kreation zu Mozarts »Jeunehomme«-Klavierkonzert. Eine Kostbarkeit zum Artikel sind die Fotografien mit den Kostümskizzen von Karl Lagerfeld für die Uraufführung 1986 in Monte Carlo.

„Ich kann mir keine Ballerina vorstellen, die so eine Rolle nicht schätzen würde“, schrieb Eileen Brady über »Rot und Schwarz«. Fotos mit ihr und Vladimir Derevianko in Zürich, mit Sibylle Nauendorf und Joan Boix in Leipzig, wecken bewegte Erinnerungen. Thomaskantor Georg Christoph Biller gibt Auskunft über die Leipziger Arbeit »Bach-Kreationen«, und der Leipziger Tänzer Christoph Böhm über »Bruckners Achte Sinfonie« mit lebhafter Erinnerung an die Reaktionen des Publikums beim Gastspiel in Polen 2002, wenn das ganze Ballett zu Bruckners musikalischer Wucht auf die Knie fällt. „Die Szene mit dem Kniefall hat das polnische Publikum sofort verstanden.“ Böhms Text stellt diese Arbeit von Scholz in einen persönlichen Kontext des zum Judentum konvertierten Künstlers, der in Polen erstmals von „Seelenlandschaften“ sprach und der dem Tänzer Christoph Böhm zu vermitteln wusste, dass es in einer Duoszene darum gehe, die Tänzerin Kiyoko Kimura über „verbrannter Erde“ schweben zu lassen. Persönliche Auskünfte zu einem der persönlichsten Werke gibt Giovanni di Palmer in der Erinnerung an die Solofassung »Le Sacre du Printemps«, hier, so di Plama, „bricht die Ästhetik des Schönen, der klassischen Form, der beherrschten Linie und der Virtuosität der tänzerischen Bewegung auf: Die bedrohliche Seite des Schönen, das Schreckenerregende, Hässliche, Schmutzige drängt sich in den Raum klassischer Formate.“ Damit verweisen die Herausgeberinnen auf einen wesentlichen Gesichtspunkt im Schaffen von Uwe Scholz, auf die „Melancholie der flüchtigen Schönheit“, wobei die Betonung auf dem Adjektiv liegt und darauf, dass die kühnsten tänzerischen Architekturen in seinen Choreografien stets Sehnsuchtsbilder sind, Tänze auf verbrannter Erde, Flüge überm Abgrund.  

Boris Gruhl

Nadja Kadel und Kati Burchard (Hg.), Zeitsprünge, Lepas in Time – Uwe Scholz, 225 Seiten, deutsch und englisch, 34,90 €, zzgl. Versandkosten von 4,50 €. Zu bestellen über www.nadjakadel.de

                                                                               

 

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