27.08.2014
Kammermusik von Adolph Henselt

»Meine Zeit fängt nach meinem Ableben an«

Die beiden Leipziger Musiker Stefan Burkhardt (Klavier) und Norbert Hilger (Violoncello) haben beim Altenburger Musiklabel "Querstand" zu dessen 200. Geburtstag im vergangenen Jahr eine CD mit Musik Adolph Henselts (Georg Martin Adolph von Henselt, 1814 bis 1889) herausgebracht. Henselt war nicht nur ein Schüler Johann Nepomuk Hummels, sondern auch mit Clara und Robert Schumann (der ihn begeistert rezensierte) bekannt, seine Frau wiederum eine Freundin Goethes. Auch war er als Klaviervirtuose in Europa geschätzt. Soviel zu den Kreisen. Stefan Burkhardt und Norbert Hilger haben eine CD für Entdecker herausgebracht, die uns Adolph Henselt nun wieder etwas näherbringt, denn mittlerweile war sein Name im Musikleben verblaßt, wenn nicht gar vergessen. Der Titel "Kammermusik" der Aufnahme ist jedoch irreführend, denn statt Werken für Kammermusikbesetzung, "strengen" Quartetten etwa, enthält die CD im wesentlichen Klaviermusik. Nur an erster Stelle gibt es das Duo h-Moll op. 14, den übrigen – und damit überwiegenden – Teil der Aufnahme bestreitet Stefan Burkhardt allein. "Salonmusik" wäre vielleicht passender gewesen, doch haftet diesem Begriff etwas beiläufiges, belangloses an – egal, Entdecker lassen sich nicht von Titeln oder Etiketten leiten.

Entdecker finden im Gegenteil in dieser CD eine Bereicherung aus dem Hause Kamprad / Querstand. Adolph Henselt wurde zu Lebzeiten als Pianist neben Frédéric Chopin, Franz Liszt und Sigismund Thalsberg als diesen gleichwertig angesehen, darüber hinaus als Komponist geschätzt. Nicht nur mit Variationswerken zu Themen aus den Opern Giacomo Meyerbeers und Gaetano Donizettis begeisterte er sein Publikum. Vor allem seiner melodischen Eingebungen wegen war seine Musik anerkannt, die seinen Zeitgenossen als nahezu zwingen,  folgerichtig erschien und die auf darstellerische Effekte, die bloße Herausstellung oder gar den Mißbrauch des Virtuosentums verzichtete. Der "Raphael des Klaviers", auch diese Bezeichnung findet man in der Literatur über Adolph Henselt. Die junge Clara Wieck nahm seine Werke bereits ihr Repertoire auf, als diese noch lange nicht gedruckt erschienen waren, zu Beginn ihrer eigenen pianistischen Weltkarriere. So wurden sie früh in Berlin, Prag und Wien bekannt. Adolph Henselt selbst lebte zwar unter anderem selbst in Wien, Weimar, brach seine Pianistenkarriere jedoch schon früh ab, da Ängste ihn hinderten, in großen Konzerten seine Glanzleistungen zu entfalten. So blieb der Musiker 1838 auf Einladung der Zarin in Rußland, wo er mehr als ein halbes Jahrhundert als Musikpädagoge wirkte. Das kompositorische und pianistische Schaffen gibt also nur einen Teil des Wirkens Adolph Henselts – und vielleicht nur den geringeren – wieder. Künstler wie Anton Rubinstein, Mili Balakirev oder Michail Glinka weisen ihm einen ehrenvollen Platz in der russischen Musik des 19. Jahrhunderts zu (für sein Wirken wurde er in den Adelsstand erhoben) – dieser Teil aus dem Leben Adolph Henselts ist heute fast vergessen. 

Das lesenswerte Beiheft der liebevoll gestalteten CD gibt über den Lebensweg Adolph Henselts nicht zuletzt anhand von Zeitzeugenaussagen Aufschluß. Nur nebenbei geht es allerdings auf die Werke ein – doch kann man sich diesen eben auch hörend nähern. Und gerade durch mehrfaches Hören gewinnt diese Aufnahme, denn "Salonmusik" im leichten Sinne ist dies nicht, sondern eine zarte, romantische, gefühlvolle Ausdruckswelt. Sie steckt voller Ideen und erinnert vielleicht in Stimmungen oder Bezeichnungen an das Schaffen Johannes Brahms' oder Frédéric Chopins, jedoch ist Adolph Henselt stets eigenständig, bedient sich keiner Zitate oder Entlehnungen.

Die Aufnahme beginnt mit dem reizvollen Duo op. 14 für Klavier und Cello (von diesem Duo gibt es auch eine CD mit in der Originalbesetzung Klavier / Horn und anderen Kammermusikwerken bei MDG), an die sich Nocturnes, Impromptu und Romanzen anschließen, wie sie zur damaligen Zeit beliebt gewesen sind. Meist sind dies Miniaturen, die aber voller Ideen stecken, niemals seicht oder belanglos werden.

Stefan Burkhardt und Norbert Hilger versetzen ihre Zuhörer auf modernen Instrumenten in Salonstimmung mit vor allem pastellenen und heiteren Farben. Zwischen träumerischen kleinen Episoden sorgen im Mittelteil ein Rondo und eine Polka – beide in d-Moll –, ein Walzer und eine atemlose Toccatina für Belebung, während den Ausklang vor allem drei Lieder (ohne Worte) "Das Nordlicht", "Morgenständchen" und "Wiegenlied" gestalten.

Wolfram Quellmalz

 

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