14.05.2015
Gern hätten wir am Donaustrand auch ein paar verlorene Amulette gefunden.

Fast ein bisschen klebrig

Das Dresdner Residenz Orchester füllt seit 2013 eine Lücke auf, die der Klassikliebhaber vielleicht gar nicht so empfindet. Kommt man nach Salzburg, Wien oder Budapest, findet man solche Residenzorchester auch, die sich hauptsächlich an Touristen zu wenden scheinen. Immerhin: Leiter Igor Malinowski ist nicht irgendwer und kein André-Rieu-Verschnitt, sondern ein Spitzenviolinist mit einer Professur an der Dresdner Musikhochschule. Und wer in seiner Klasse Aufnahme findet, der wird nicht erst gut "gemacht", der muß es schon sein. Studenten zählen daher auch zu den Mitgliedern des Residenz Orchesters, und das ohne jegliche Einschränkung in der Qualität.

Überhaupt ist anzuerkennen, dass das spielerische Niveau und die Qualität der Aufnahme keine Wünsche offen lassen. Die CD bietet einen bunten Blumenstrauß der (Wiener) Unterhaltungsmusik, allesamt Klassiker, von Mozarts Divertimento KV 136 über Strauss' "Tritsch-Tratsch-Polka" bis zu Operettenmelodien, etwa Kálmáns "Tanzen möchte' ich" oder "Grüß mir mein Wien". Allesamt sind in Kleinstbesetzung, also mit wenigen Streichern und meist nur einem Instrument pro Stimme, bereichern aber auch durch Bassstimme und Flöte. Dies und die gekonnten Bearbeitungen verleihen der Aufnahme Leichtfüßigkeit und Abwechslung. Auch wurde hier nicht nach Schema F arrangiert, etwa, in dem Flöte oder Violine immer den Gesangspart der Arien übernehmen – Mozarts "Champagnerarie" aus dem "Don Giovanni" und Valentins Arie aus Charles Gounods Oper "Faust" mit dem einfühlsamen Bariton Gunyong Na zeugen von Abwechslung. Mithin zählt man Gounod ja auch nicht zu den Wiener Klassikern.

Auf die Dauer und für den Klassikfreund, zumindest soweit er sich vertieft und vielseitig interessiert ist, kommt die CD dann aber doch etwas leicht, leichtgewichtig daher. Nicht zuletzt, weil ein richtiges Beiheft mit weiteren Ausführungen fehlt; es gibt nur ein Deckblatt. Mehr als ein Etikett ist das nicht, so fehlen auch die Namen sämtlicher Musiker außer dem Leiter – schade! Spätestens beim vorletzten Stück, "An der schönen blauen Donau", welche den Rausch eines großen Philharmonieorchesters etwas vermissen lässt, besteht Überzuckerungsgefahr. Und schon zuvor fühlt man sich vom ersten Satz der "Kleinen Nachtmusik" traktiert. Erstens, wenn man einzelne Sätze zerrissener Stücke nicht goutiert, und zweitens, wenn man zwischen den bekanntesten Perlen des Donaustrandes auch gerne verborgene Muscheln oder verlorene Amulette gefunden hätte – will sagen: Entdeckungen bietet diese Aufnahme keine.

Doch soll dies nicht als Nörgelei verstanden werden. Bearbeitung und Vortrag lassen wie gesagt kaum Wünsche offen. Und so bleibt es – wieder einmal – eine Frage des Geschmackes, sich für diese CD zu entscheiden. Nicht zuletzt richtet sie sich wohl auch weniger an den traditionellen Klassikfreund, der im Fachgeschäft oder im Internet kauft, denn dort ist die Aufnahme gar nicht erhältlich. Der Vertrieb läuft über den eigenen Internetauftritt des Orchesters sowie in Begleitung der Konzerte und richtet sich eher an Käufer, die eine Erinnerung an den Besuch in Dresden mitnehmen oder eben etwas klassische Unterhaltung suchen.

Wolfram Quellmalz

 

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