Interview 09.01.2017

»Wir sehen uns als einen Schrittmacher im Bereich der Kinder- und Jugendstimme«

Anlässlich des 15. Leipziger Symposiums zur Kinder- und Jugendstimme zum Thema: »Beziehungssystem Stimme« vom 24. bis 26. Februar 2017 in Leipzig sprach Marleen Mützlaff (AMJ) mit dem Leiter des Symposiums, Prof. Dr. Michael Fuchs.

Es gibt in diesem Jahr ein Jubiläum im Symposium: Es findet zum 15. Mal statt. Wie hat eigentlich alles angefangen?
Der Anfang war ein erster Kontakt zum Arbeitskreis Musik in der Jugend um das Jahr 2000 herum. Helmut Steger und Rolf Pasdzierny suchten den Kontakt – wahrscheinlich über die Wahrnehmung unserer Abteilung, da wir uns mit der Kinder- und Jugendstimme beschäftigen. Sehr genau kann ich mich an ein wunderbares Treffen und ein langes Gespräch im »Bachstübl« erinnern, einem Café auf dem Thomaskirchhof, auf dem wir gemeinsam überlegten, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte.
Dazu muss man wissen, dass seit den 1960er Jahren in Leipzig ein Symposium, es nannte sich seinerzeit Phoniatrie-Symposium, alle drei Jahre veranstaltet wurde. Es hatte vorrangig die Aufgabe, die Stimmärzte (Phoniater) beidseits der damaligen deutsch-deutschen Grenze für einen wissenschaftlichen Austausch zusammen zu bringen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands war diese Aufgabe erloschen, das Leipziger Symposium lief Gefahr, unterzugehen in einer fast unüberschaubaren Vielfalt an entsprechenden Kongressen, Symposien und Weiterbildungen. Wir waren damals sehr daran interessiert, dem Symposium einen Inhalt zu geben, für den sich Leipzig in besonderer Weise auszeichnet, und das ist unsere klinische und wissenschaftliche Beschäftigung mit der Kinder- und Jugendstimme – mit dem besonderen Schwerpunkt der Arbeit mit singenden Kindern und Jugendlichen. Insofern kamen die Beiden genau zum richtigen Zeitpunkt und wir haben damals sehr schnell die Idee entwickelt, genau dieses Symposium diesem Thema zu widmen.

Im Jahr 2002 wurden wir auf dem 13. Phoniatrie-Symposium, dem letzten seiner Art, aktiv: Es wurde ein Workshop »Kinder- und Jugendstimme« zum Thema Chorische Stimmbildung angeboten. Genauer gesagt war es ein Kongress für Ärzte, der auch schon aus Vorträgen und richtigen Workshops bestand und an die Leipziger Musikhochschule angegliedert war. Aufgrund der weitreichend positiven Resonanz beschlossen wir, weiterzumachen. Die Idee war, das Symposium zweijährig durchzuführen. Daher fand das zweite Symposium 2004 statt, mit dem Titel: »Der Klang der Kinder- und Jugendstimme« (unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau). Dieses Symposium war bereits losgelöst und fand nicht mehr im Rahmen des Phoniatrie-Symposiums statt, sondern wir hatten ein eigenes Symposium zur Kinder- und Jugendstimme kreiert, was von vornherein Wert auf die Multidisziplinarität legte. Weil das so gut lief und die Nachfrage so groß war, sind wir bei der Durchführung zum jährlichen Rhythmus übergangen, den wir seitdem beibehalten haben und der dazu führt, dass wir im Jahr 2017 unser 15-jähriges Jubiläum des Symposiums feiern können.

Im Rahmen des 1. Workshops haben MedizinerInnen und MusikpädagogInnen teilgenommen. Dies war die Grundidee des Ganzen – nämlich, dass eine etablierte Veranstaltung genutzt werden sollte, an der an diesem Fachgebiet interessierte ÄrztInnen und auch LogopädInnen (allerdings in geringerer Zahl, als es heute der Fall ist) teilnehmen. Und wir hatten uns überlegt, MusikpädagogInnen einzuladen, MusiklehrerInnen, MusikleiterInnen, MusikschullehrerInnen bis zu ChorleiterInnen und StimmbildnerInnen. Dies hat seitdem sehr gut funktioniert; das Podium wurde immer interdisziplinärer. Nun nehmen auch die PsychologInnen teil, die gesamten StimmtherapeutInnen, KinderärztInnen und sogar ZahnärztInnen. Das Spektrum wurde erweitert. Der interdisziplinäre Grundgedanke bestand von Anfang an; es war von Anfang an eine Zusammenarbeit zwischen AMJ und uns, gemeinsam mit dem Partner Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Inhaltliches Input kam von Anfang bis heute besonders vom AMJ – ebenso die Position Teamzusammensetzung.

Welche Besonderheiten, Highlights sind Dir in Erinnerung geblieben?
Eigentlich ist es jedes Jahr immer wieder ein Highlight für mich – zu erleben, wie genau dieser interdisziplinäre Dialog funktioniert, die Offenheit der Gespräche zwischen den einzelnen Fachrichtungen. Dieses steht sehr im Kontrast dazu, was ich sonst im medizinischen Umfeld erlebe – dort spielen bei wissenschaftlichen Kongressen beispielsweise auch berufspolitische Interessen eine Rolle, bzw. eine Konkurrenzsituationen zwischen den einzelnen Kliniken und Universitäten. Dies spielt in unserem Kontext keine Rolle. Es ist eine sehr diskussionsfreudige, fröhliche und offene Atmosphäre. Meiner Meinung nach lernt es sich besser in einem positiven emotionalen Kontext – wenn es den Leuten gut geht, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen. Wenn es gelingt, diese Atmosphäre zu schaffen, dann gibt es tolle Momente. Ebenfalls Highlights sind alle musikalischen Umrahmungen bzw. Konzerte – zum Beispiel das samstagabendliche Konzert oder Workshops mit singenden Kindern und Jugendlichen oder andere musikalische Umrahmungen, an die man sich gern erinnert, insbesondere an die Künstler. Die Referate sind ebenfalls ein Highlight – besonders die Hauptreferate.

Alles in allem begeistert mich besonders, wenn nach der theoretischen Planung und der organisatorischen Vorbereitung alles in der praktischen Ausführung funktioniert. Es erfreut mich, wie sich am Anfang der Saal langsam füllt, oder auch der Abschluss eines Symposiums, den man aber dann mit einer gewissen Wehmut begleitet, um anschließend wieder in den Klinikalltag zu starten – dieser holt einen aber schnell aus der traurigen Stimmung heraus. Und anschließend steigt auch schon wieder die Vorfreude auf den kommenden Event und das erneute Treffen des nächsten Jahres.

Dies ist ein Teil des Lebensrhythmus geworden – und zwar für alle, die daran teilnehmen: es gibt die Zeit vor dem Symposium, dann das Symposium selbst und die Zeit danach – also begleitet uns das Symposium eigentlich über das ganze Jahr hindurch, nicht nur während der drei Tage im Februar.

Gibt es besondere Entwicklungen in der Struktur des Symposiums – wenn Du den Ausgangspunkt betrachtest, vom ersten Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme bis heute?
An unserer Grundstruktur, die wir von Anfang hatten, an der wir festgehalten haben und die sich bewährt hat, hat sich nicht viel geändert: nämlich der Wechsel zwischen Vorträgen, Rundtischdiskussionen, Präsentationen und Workshops – umrahmt von musikalischen und künstlerischen Beiträgen. Über die Jahre haben wir uns immer weiter entwickelt und perfektioniert, haben immer auch kleinere Veränderungen vorgenommen und das Ganze als einen lernenden Prozess verstanden. Die Grundidee – einen Wechsel aus Vortrag und Praxis zu haben – hat sich dabei sehr bewährt.

Weiterhin ist das rotierende System der Workshops zu nennen – dass also vier Workshops vier Mal parallel angeboten werden. Dies ermöglicht es allen TeilnehmerInnen, jeden Workshop zu erleben. Wir empfinden das als sehr glückliche Lösung für die TeilnehmerInnen, die so wirklich alles mitbekommen können. Ich kenne viele andere Kongresse, bei denen Workshops so parallel angeboten werden, dass man sich einen unter vielen aussuchen muss. Zuweilen beschleicht einen dann das Gefühl, dass man etwas verpasst, oder dass man den falschen Workshop ausgewählt hat… Einmal hatten wir auch versucht, Kleinworkshops mit begrenzter TeilnehmerInnenzahl anzubieten, die parallel zu den anderen Workshops liefen – dies hatte keine positive Resonanz gebracht und wurde deshalb nicht wiederholt, da nicht zuletzt auch die Stimmung der Veranstaltung nicht beeinträchtigt werden sollte.

Eine Besonderheit des Symposiums ist, dass wir als Konzeptionsteam inhaltlich einen starken »roten Faden« haben; wir wissen, warum wir die Vorträge in einer bestimmten Reihenfolge positionieren und wie sich die Workshops dabei einfügen. Insofern macht es Sinn, dass jeder alles erlebt und nicht eine gewisse Beliebigkeit auftritt mit einem breiten Angebot, aus dem sich jeder etwas aussuchen kann. Wir möchten jede TeilnehmerIn von Anfang bis zum Ende didaktisch begleiten.

Was mir z.B. als sanfte und positive strukturelle Neuerung aufgefallen ist, ist dass die Workshops mehr verteilt stattfinden. Dies kam auch bei den TeilnehmerInnen gut an. Eine weitere Neuerung war, dass einige Vorträge als dialogische Vortragsgespräche angeboten wurden.
Ein neues Strukturelement in diesem Jahr war ebenfalls die Fall-Präsentation: Konkrete klinische Fälle haben wir mit verschiedenen Experten diskutiert – aus meiner eigenen Kongress-Erfahrung lernt man so am meisten. Auch sich zu fragen, wie man im einzelnen Fall entschieden hätte, regt dazu an, sich intensiver mit einem Fall zu beschäftigen. Dieses Element sollte in jedem Fall – je nach konkretem Thema– beibehalten werden.

Kannst Du Dir, als Visionär des Symposiums, vorstellen, wo Du das Symposium in gut fünf Jahren im Jahr 2022 siehst, also die 20. Ausgabe?
Ich glaube, dass es Sinn macht, an den bewährten Konzepten grundsätzlich festzuhalten. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, neue didaktische Formen auszuprobieren, die Technik mehr mit einzubeziehen, z.B. bei Workshops oder Vorträgen mithilfe elektronischer Abstimmungssysteme noch mehr mit dem Publikum zu interagieren. Wir haben auch eine sehr große Offenheit gegenüber den neuen Medien. Wir sind auf Facebook vertreten und haben einen eigenen YouTube-Channel, was besonders stark dazu beiträgt, uns in der Wahrnehmung gerade der TeilnehmerInnen zu verankern, die uns über die sonst im medizinischen Bereich etablierten Verteilungswege nicht erreichen. Die Akzeptanz und die Resonanz auf YouTube bzw. Facebook zeigen, dass ein großer Bedarf besteht und eine starke Nutzung stattfindet, was anhand der Abrufzahlen deutlich wird. Dadurch tragen wir zur Verbreitung und zur Nachhaltigkeit bei.

Außerdem ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass der erste Schritt, den wir diesbezüglich gegangen sind, die Etablierung der Schriftenreihe war, die nicht von Anfang bestanden hatte. Das erste Buch bezog sich auf das Symposium 2006, zum Thema Singen und Lernen. Ab dem vierten Symposium haben wir jährlich die Schriftenreihe Kinder- und Jugendstimme über den Logos-Verlag/Berlin herausgegeben.

Natürlich bestehen auch ein gewisser Wettbewerb oder gar eine Konkurrenz mit anderen Anbietern, aber eigentlich steht das für uns nicht zu sehr im Vordergrund. Wir möchten uns in Leipzig auf unser Alleinstellungsmerkmal konzentrieren (wie oben näher erläutert) und wir verstehen uns eher nicht nur als ein Teil, sondern als ein sehr aktiver und sehr zentraler Schrittmacher auf dem Gebiet Kinder- und Jugendstimme – national und im europäischen Kontext. Dazu gehört die zunehmende Vernetzung mit anderen Veranstaltungen, wie zum Beispiel zu dem Osnabrücker Symposium von Prof. Mohr. Es gibt seit jeher weniger dieser interdisziplinären Veranstaltungen für die Kinder- und Jugendstimme als für die Erwachsenenstimme.

Aber wir sehen auch andere Veranstaltungen, wie die Internationalen Stuttgarter Stimmtage, das A-cappella-Festival in Leipzig, mit denen wir uns gern vernetzen, mit denen wir uns austauschen, Inhalte importieren und exportieren und auf diese Weise unser Netzwerk gestalten.
Dies ist eine Vision, die ich über 2022 hinaus habe, da hier die Aspekte der klinischen Betreuung und Forschung hinzukommen und wir darüber berichten, welche Ergebnisse die Wissenschaft erbringt und welche für die Routine der Arbeit mit Kinder- und Jugendstimmen geeignet und bedeutsam sind. Ein großes Stück dieser Vision ist schon Wirklichkeit geworden – aber all dies gilt es noch weiter zu vernetzen und zu beleben.

Dies ist ein schöner Abschlussgedanke. Vielen Dank für das Interview.

Michael Fuchs
Foto: UKL Leipzig / Swen Reichhold

Prof. Dr. Michael Fuchs

Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie und des Cochlea-Implantat-Zentrums am Universitätsklinikum Leipzig. Facharzt für HNO-Heilkunde und Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie. Sächsischer Landesarzt für Menschen mit Hör-, Sprach-, Sprech- und Stimmbehinderungen. Spezialisierte Betreuung von SängerInnen und MusikerInnen mit Hör- und Stimmstörungen, spezialisierte Betreuung der Kinder- und Jugendstimme. Weitere klinische und Forschungsschwerpunkte: Lehrerstimme, Kopf-Hals-Onkologie, zentrale Hörverarbeitung. Operatives Spektrum in der Phonochirurgie. Umfangreiche nationale und internationale Vortrags- und Publikationstätigkeit. Lehraufträge an den Hochschulen für Musik und Theater Leipzig und Weimar sowie an der Universität Halle/Saale. Medizinischer Schulleiter an der Berufsfachschule für Logopädie Leipzig. Gründer und Leiter der Leipziger Symposien zur Kinder- und Jugendstimme, Herausgeber der Schriftenreihe »Kinder- und Jugendstimme«. Präsident des Förderkreises Thomanerchor Leipzig.

kinderstimme.uniklinikum-leipzig.de

 

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