Allgemein 06.03.2017

Musik würfelt nicht?

Eine Pyramide, wie gut das klingt. So stabil. Und einleuchtend: Unten ein breites Fundament, das eine alles überragende Spitze trägt. Dieses Bild in seiner symbolischen Unumstößlichkeit wird von Kulturpolitikern und -funktionären gern bemüht, wenn es um die Musikausbildung in Sachsen (und anderswo) geht: Unten eine breite Nachwuchsförderung, aus der heraus man sich in die Höhe arbeiten kann. Dort wird zwar die Luft dünner, aber auch das Licht heller. Dabeisein, als sei Musik ein Sport, ist alles – doch am Ende kann nur einer ganz oben auf dem Treppchen stehen.

Diese Pyramide ist ein Problem: Weil sie als Symbol von der Spitze her gedacht ist. Die Richtung Boden breiter werdenden Unterschichten sind vor allem dazu da, die jeweils kleinere, höhere Lage zu tragen. Zu füttern. Zu ermöglichen. Sie sind Stütze und Potenzial – werden nicht darüber hinaus als Selbstzweck respektiert. Auch, wenn das natürlich im Nebensatz immer bestritten wird: Der Aufstieg auf ein vermeintlich höheres Niveau ist der eigentlich Daseinssinn in der kulturellen Pyramiedenwelt.

Doch so massiv diese unsere so konstruierte Musiklandschaft auch aussieht: Ihr eigentlicher Inhalt macht doch nur nur ein Drittel des Würfels aus, den man bekäme, wüchse die gesamte Basis, die doch mit Lust und Neugier und voller Hoffnung eintritt in das System Musikausbildung, konstant nach oben. Betrachte man die Sache nämlich von unten, so leisten wir uns mit der Pyramide ein System, das 2/3 des vorhandenen Potenzials weghämmert. Ziegelbruch.

Nun ist besagter Würfel natürlich nur ein Ideal – immer wird es vorkommen, dass jemand die Lust an der Musik, am Musizieren, am Erlernen eines Instrumentes verliert. Aber was spricht dagegen, dieses Ideal anzustreben? Erst recht, weil in der Pyramidenwelt doch auch alles nach einem Ideal strebt, dass de facto für 99 Prozent unerreichbar bleiben muss: die Spitze. Was auch und vor allem daran liegt, dass hier Kunst mit handwerklichem Können auf eine Stufe gestellt wird. Was wiederum dazu führt, dass Elfjährige für Anerkennung bei »Jugend musiziert« sich an Rachmaninov im wahren Wortsinn abarbeiten.

Dabei ist das »Würfelmodel« machbar, wie die Popkultur zeigt: Deren breite Bandlandschaft bringt Spitze hervor, ohne diese zwingend am Handwerk zu messen - und vor allem, ohne zwei Drittel auszusortieren: Der ganze Würfel ist potenzielle Freude. Ja, er wird genau genommen immer ein Pyramidenstumpf sein. Mit unideal schrägen Seiten. Das macht die Pyramide aber nicht zum besseren Modell. Im Gegenteil.

Gern wird argumentiert, dass auch Derjenige, der von der Pyramide rutscht, als zukünftiger Musik-Konsument einen Gewinn darstellt. Doch das hat einen Haken: Dieses Denksystem erschafft letztlich auch elitäre Hörer, geschult an einem »höher ist besser«-Muster. Wer da gescheitert ist, will letztlich auch Eliten hören, wenn er die Pyramide als einleuchtendes Modell verinnerlicht hat – und sei es, um seine Rest-Expertise aufzuwerten. Natürlich kennt auch Pop das Elitäre. Dort steht es aber gleichberechtigt neben dem Primitiven, Simplen, Dreisten, das sich auf dem Weg nach Oben eine clevere Abkürzung gebaut hat. Ein Podest für eine Spitze neben der Spitze. Pyramidenfreunde mögen solche Konstrukte aus architektonischen Gründen ablehnen. Von der Basis aus betrachtet bedeutet es aber: Aussicht für alle!

Tim Hofmann

Tim Hofmann

Der Autor ist Ressortleiter Kultur bei der Freien Presse Chemnitz.

 

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