Allgemein 13.01.2017

Internationale Messiaen-Tage in Görlitz-Zgorzelec

Gedenken ans Ende der Zeit: Aus den Januar-Konzerten wird nun ein Festival

Die deutsch-polnische Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec nennt sich Europastadt. Was die Stadtteile verbindet, ist nicht nur die Neiße mit ihren Brücken, sondern ein ganz besonderes Datum: Der 15. Januar. An diesem Wintertag im Jahr 1941 ist im Görlitzer Stadtteil Moyn, heute östlich der Neiße am Stadtrand von Zgorzelec gelegen, Olivier Messiaens »Quartett für das Ende der Zeit« uraufgeführt worden. Moderne Musik in einem Kriegsgefangenenlager! Ungeheizt war es dort, eisig, aber Hunderte von Mitgefangenen aus ganz Westeuropa sowie zahlreiche deutsche Soldaten und Offizieren haben zugehört und waren ergriffen. Osteuropäische Häftlinge, die ganz in der Nähe untergebracht waren, litten unter ganz anderen Bedingungen. Ihnen hatten die Nazis keine Theaterbaracke gestattet.

Jahrelang ist der 15. Januar nach Kriegsende ein ganz gewöhnlicher Tag im Kalender gewesen. Lange Zeit wollte sich kaum jemand an die Vergangenheit erinnern. Das änderte sich vehement, als der Theatermann Albrecht Goetze 2002 nach Görlitz kam. Er hatte Messiaens »Quartett« gehört, war von dieser Musik durch und durch fasziniert, er wollte unbedingt den Ort sehen, wo sie entstand. Goetze kam, blieb und hat zahlreiche Menschen mit dem Mythos Messiaen infiziert. 2015 hat ihn eine böse Krankheit aus dem Leben gerissen.

Ohne diesen 1942 in Leipzig geborenen »Magier« wäre diese Form der Erinnerungskultur in Görlitz-Zgorzelec heute kaum denkbar. Er hat Menschen begeistern und mitreißen können, oft absolut überraschend und unkonventionell. Ohne ihn stünde das 2015 auf dem einstigen Lagergelände eröffnete Europäische Zentrum für Bildung und Kultur - künftig soll es auch das Wort Erinnerung im Namen tragen - vermutlich heute noch nicht. Es ist in lediglich einem Jahr Bauzeit entstanden!

2007 rief Albrecht Goetze den Meetingpoint Music Messiaen e.V. ins Leben, seit 2008 gab es jeweils am Uraufführungsdatum das Januar-Konzert mit Messiaens berühmtem Quartett. Das »Quatuor pour la fin du temps« wurde stets von wechselnden Ensembles aufgeführt, erst in einem Zelt, dieses Jahr nun zum dritten Mal im faszinierenden Gebäude des Europäischen Zentrums, das auch architektonisch Bezug nimmt auf Messiaens Komposition.

Weil das Datum in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt und das Januar-Konzert 2017 zum zehnten Mal ausgerichtet wird, richten die Veranstalter erstmals Internationale Messiaen-Tage aus. Ein ganzes Wochenende lang, beginnend am Freitag, den 13. Januar, stehen Görlitz und Zgorzelec ganz im Zeichen von Musik und anderen Künsten. Künftig soll dieses Experiment dauerhaft als Neujahrstreffen kulturinteressierter Menschen aus Polen, Tschechien, Deutschland und möglichst vielen anderen Ländern etabliert werden. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt wirken an diesem Werk mit.

Ein »Schrei der Menschheit«

Zum wiederholten Mal gastiert dieses Jahr die Sinfonietta Dresden am Meetinpoint Music Messiaen. Unter der musikalischen Leitung von Jan Michael Horstmann führt sie Werke von Charles Ives, Isang Yun und anderen Komponisten auf, darunter auch Anton Webern Instrumentation des Ricercar aus Johann Sebastian Bachs »Musikalischem Opfer«. Im Zentrum des Konzerts steht jedoch eine Uraufführung von Nikolaus Brass - mit dem dramaturgischen Kontext, just am Ort, wo Messiaens Quartett vollendet und uraufgeführt wurde, wiederum Neues entstehen zu lassen.

Erstmals soll über dieses originäre Quartett hinaus, das am Sonntag vom Flex Ensemble und der Klarinettistin Bettina Aust aufgeführt wird und die 1. Internationalen Messiaen-Tage beschließt, das Wirken und Schaffen des vor 25 Jahren, am 27. April 1992 verstorbenen Komponisten Olivier Messiaen näher vorgestellt werden. So gibt es am Samstag Führungen im Schlesischen Museum zu Görlitz sowie auf dem früheren Lagergelände in Zgorzelec, hinzu kommen ein Klavier-Recital sowie ein Vortrag des britischen Messiaen-Experten und -Biografen Peter Hill. In der Jacobspassage der Neiße-Stadt soll obendrein ein sogenanntes Nachtschwärmerkonzert auf Messiaens Bezug zu Natur und Vogelstimmen aufmerksam machen.

Orgelmusik von Olivier Messiaen, der sechs Jahrzehnte lang als komponierender Organist an der Kirche La Trinité in Paris gewirkt hatte, ist am Sonntag in der Görlitzer Jacobus-Kathedrale zu hören. Ein Vortrag des Ornithologen Friedhard Förster bezieht sich auf »Vogelstimmen in der Musik Messiaens«. Als weiteres Novum wird der Dokumentarfilm »Quartet for the End of Time« des US-amerikanischen Filmmanns H. Paul Moon präsentiert. Nach der krönenden »Quartett«-Aufführung gibt es ganz zum Abschluss der Messiaen-Tage einen Abendspaziergang durch das einstige Lagergelände mit dem Metallbildhauer Matthias Beier. Er will zu jedem der acht Sätze des meisterhaften Quartetts eine Skulptur aufstellen und darin den in Messiaens Musik hörbaren »Schrei der Menschheit« visuell nachvollziehen.

Der 15. Januar wird ein besonderer Tag für die europäische Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec bleiben. Von nun an aber nicht mehr als unikates Datum, sondern eingebettet in Internationale Messiaen-Tage.

Michael Ernst

Foto: Michael Ernst

Internationale Messiaen-Tage Görlitz-Zgorzelec, 13.–15.1.2017
www.meetingpoint-music-messiaen.net
www.festival-music-messiaen.net

 

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