Interview 26.04.2013

»Der Chef ist der Chef!«

1999 wars, da traf ein gerade vierzigjähriger Dirigent den achtzigjährigen Enkel Richard Wagners - in der Neuen Welt. An der Chicago Lyric Opera nämlich leitete Christian Thielemann die »Meistersinger von Nürnberg«. Wolfgang Wagner kam zuhören und entschied: der dirigiert das Werk nächstes Jahr bei uns in Bayreuth! Für »Musik in Sachsen« hat Christian Thielemann das Restaurant, in dem Wolfgang Wagner damals mit ihm über die Sippe der Wagners plauderte, noch einmal besucht.

Christian Thielemann, was werden die Musiker eigentlich in fünfzig Jahren über diesen Wagner-Dirigenten sagen, unter dem sie damals als junge Hüpfer in Dresden spielten und auch auf Tournee in die Vereinigten Staaten gingen?

Ha, die werden sagen: der Thielemann, der hatte pointierte Meinungen, aber mit zunehmendem Alter war er doch bemüht, andere auch leben zu lassen. Und im Privaten? Da haut man mal auf die Pauke, erleidet Nackenschläge. Aber ich bin entspannter geworden, das ist eine Erfahrungsfrage.

Amerika liebt immer noch die autoritären Künstler-Charaktere, habe ich den Eindruck.

Das mag mit der Zeit der Emigration zu tun haben. Georg Szell – wie er damals noch hieß – soll unerbittlich gewesen sein, er war regelrecht gefürchtet. Die Tatsache, dass man solchen Dirigenten in Amerika die Möglichkeit gab, ein Orchester künstlerisch zu formen, bedeutete, dass man auch Autorität erwartete. Es gibt da eine wunderbare Geschichte: Fritz Reiner gastierte nach dem Krieg erstmals bei den Berliner Philharmonikern. Ich weiß es aus erster Hand: der Dirigent fragte den ersten Flötisten, warum er denn so laut spiele? Stille! Der Flötist antwortet: wenn ein großer Dirigent vor mir steht, wachse ich gelegentlich über mich hinaus. Auf so einen Knaller hin wusste Reiner gar nichts mehr zu sagen.

Heute lassen sich Orchestermusiker nicht mehr so zusammenfalten.

Der Ton hat sich verändert, die Sache nicht. Als Dirigent höre ich immer wieder, dass das Orchester froh ist, wenn geführt wird. In bestimmten Situationen müssen Sie Flagge zeigen, da ist nur ein Ja oder ein Nein möglich. Wenn Sie da nachgeben, kann es passieren, dass ein großer Teil des Orchester sagt: der traut sich ja nicht! Wenn Sie die Entscheidung treffen, sagen vielleicht auch einige: unerhört, aber man weiß: der Chef ist der Chef. Ich habe übrigens eine wunderbare Beziehung zu den Musikern. Es erzählen mir jetzt schon Leute, dass sie sich für den »Tristan« 2015 einteilen lassen.

Inwiefern beeinflussen Sie eigentlich auch langfristig Klangentwicklungen im Orchester, beispielsweise das Timbre von Stimmgruppen - ist das Dirigentenaufgabe, oder arbeiten Sie nur an Nuancen dessen, was aus dem Orchester kommt?

Meine Aufgabe als Chef ist, Einfluss zu nehmen. Wenn ich merke, dass es Dinge gibt, die zu verändern sind, dann muss ich das machen. Einen Chefdirigenten bestimmt man, weil der gesamte Klang des Orchesters geprägt werden soll. Wenn es da Unebenheiten gibt, muss man die Musiker hin und wieder daran erinnern. Herbert von Karajan fragte die Berliner manchmal: wer hat denn hier schon wieder dirigiert? Einzelne Musiker gilt es dann »aufzufangen«. Ich hoffe nicht, dass ich je in eine Situation gelange, wo ich merke: das geht mit dem Musiker nicht mehr. Formtiefs hat jeder, ich selber auch. Dann gilt es, neue Motivationen zu finden...

...was ich mir nicht einfach vorstelle für jemanden, der gleichzeitig in Dresden, Bayreuth, Salzburg, Wien und Berlin dirigiert. Was kann jetzt eigentlich noch kommen?

Ich habe mir ja nie vorgenommen, wo ich positionsmäßig hinwollte. Natürlich dachte ich: Bayreuth wäre jetzt mal angesagt. Oder nehmen Sie meine Berufung nach Dresden. Das Orchester und ich waren beide gerade in Beziehungen, hatten beide sozusagen gerade geheiratet. Und nun treffen Sie nach der Hochzeit auf eine andere Person. Eijeijei… Das war delikat! Und hat dann trotzdem funktioniert.

Immerhin, Sie haben doch vorsichtig geschätzt noch gut dreißig, vielleicht vierzig Berufsjahre vor sich. Wie motivieren Sie sich immer wieder, dieses Künstlerleben auszufüllen?

Ich kann ja weniger machen. Geradezu frech finde ich, wenn jemand mir vorwirft, zu wenig zu machen; das kann man mir ja nun wirklich nicht nachsagen. Ich könnte mir direkt vorstellen, mich noch mehr zu konzentrieren. Dresden, Bayreuth, Wien, Berlin. Nächstes Jahr ausnahmsweise mal Covent Garden. Ich denke schon ökonomisch. In Dresden und Wien habe ich eine Menge Aufträge geparkt, auch in Bayreuth. Ansonsten habe ich keine 'Nebeneinkünfte'.

Vor 20 Jahren debütierten Sie an der Met, dirigierten damals in Philadelphia, Chicago, Cleveland... Heute sparen Sie sich die neue Welt.

Ich war 31, als ich den »Rosenkavalier« in New York das erste Mal dirigierte. Ich war oft und gern in den Vereinigten Staaten. In Chicago hat mich der Orchestervorstand der Deutschen Oper angerufen und mich über meine Berufung zum GMD unterrichtet. Ich bin damals durch die Stadt getapert und habe drei Schnäpse getrunken. Dann merkte ich aber, dass sich meine Berliner Position nicht mehr mit dem vielen Reisen vereinbaren lässt. Vor elf Jahren war ich das letzte Mal in den USA; und nun das erste Mal mit der Sächsischen Staatskapelle.

Hätte Richard Wagner Amerika gefallen?

Ich habe unlängst auf unserer Tourneestation in Chicago in einer Mall etwas gegessen. Da haut der einem soo viel auf den Teller! Na, und dann müssen Sie sagen: small, medium, large? Medium war glaube ich ein Dreiviertelliter, »large« so ein kleiner Eimer. Die Häuser sind höher, das macht der Neue-Welt-Effekt: wir werden es denen da drüben mal zeigen! Das Land ist eben groß, das macht Mut: »machen wir einfach mal los«. Und dann, nicht vergessen, wir sprechen über Wagner, diese Rauschzustände: bestimmt durch irgendwelche Ersatzstoffe hervorgerufen. Wenn Chips so lecker gewürzt sind, fressen Sie gleich die ganze Tüte leer.

Wagner kannte offenbar diese musikalischen Geschmacksverstärker: einmal reingehört, kann man kaum mehr aufhören.

Na, so richtig vergleichen kann man es doch nicht. Wagner hatte eine gesunde Großmannssucht, mit der Betonung auf »gesund«! In Amerika übertreibt man es mit der Größe. Wenn Sie sich dagegen den berühmten griechischen Tempel in Paestum in Salerno ansehen: der ist gerade mal 25 Meter breit. Europa ist eben subtiler: »no sex, please, we are Catholics« – und dann guckt die Madonna so, dass den Betenden ganz anders wird. Die Lucretia hatte nur so ein kleines Tüchlein drüber – und bei den Männern genauso, da musste man später Blätter drübermalen. Da war die Lebenslust immer da! Da sind wir doch wieder bei Wagner: wenn man keine Lust mehr hat, ist man tot.

(Interview: Martin Morgenstern)

Christian Thielemann
Foto: Matthias Creutziger

 

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