Interview 09.10.2013

»Hartes Brot«

Die Nachricht klang damals wie ein Aprilscherz: das frisch renovierte Jagdschloss in Graupa mit seiner neuen Wagner-Ausstellung hatte wenige Wochen vor dem großen Komponistenjubiläum die Museumsleiterin Sabine Saft von Bord geschickt. Um beim Seemännischen zu bleiben: der neue Kapitän der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna, René Schmidt, übernahm kurzerhand selbst das Ruder. Bis heute leitet Schmidt neben seiner Funktion als Geschäftsführer der KTP auch das Museum mit. Wie aber war es zu diesem frühen Showdown gekommen? Im Gespräch mit »Musik in Sachsen« erklärt Schmidt die Sache.

Herr Schmidt, Sie sind im Kulturleben der Landeshauptstadt kein ganz Unbekannter. Schildern Sie dennoch bitte einmal, "was bisher geschah", bevor Sie letztes Jahr Geschäftsführer der KTP wurden?

Ich kam in den achtziger Jahren zum Gesangspädagogik-Studium nach Dresden und habe mich mit dem "Virus Dresden" infiziert. Ich wollte unbedingt in Dresden bleiben. 1985, nach der Eröffnung der Semperoper, wurde der Staatsopernchor aufgestockt, und obwohl ich eigentlich Gesangspädagogik studierte, habe ich mich 1987 dort erfolgreich beworben. 1990 bin ich ins Solofach gewechselt, war nacheinander an drei Theatern engagiert, fragte mich aber ziemlich bald: will ich das, die ganze Zukunft von diesen beiden kleinen Muskeln im Hals abhängig machen? 

Als 1992 in Coswig ein Kulturamtsleiter gesucht wurde, bewarb ich mich und wurde überraschend – bedenken Sie die Zeit – als Quereinsteiger angenommen. Ich blieb 18 Jahre in Coswig, studierte nebenbei Kulturmanagement im Fernstudium. Die Konzeption der »Villa Teresa« ist bisher in meiner gesamten beruflichen Laufbahn das erfolgreichste und nachhaltigste Projekt geblieben.

Über den Umweg Bad Lauchstädt, wo Sie bis heute Geschäftsführer des Theaters sind, haben Sie dann den Weg nach Pirna gefunden. Wie kam es dazu?

2008 gab es in meinem privaten Leben eine Zäsur. Auf einmal hielt mich nichts mehr hier, ich wollte etwas neues beginnen. In Dresden hatte ich gerade ein Studium zum Verwaltungswirt begonnen und meine spontane Bewerbung nach Lauchstädt schon fast vergessen. Überraschend kam eine Einladung nach Magdeburg, vierzehn Tage später hatte ich den Job. Es waren drei wunderbare Jahre in Bad Lauchstädt, immerhin ist das Ensemble bereits 1710 gegründet, das Theater stand fast 16 Jahre unter der Leitung Goethes und Richard Wagner hat in Lauchstädt debütiert. Als man 2012 ernsthaft plante, das zweihundert Jahre alte Theater zu schließen, habe ich mich in Pirna beworben und habe die Stelle als Geschäftsführer der Kultur- und Tourismusgesellschaft erhalten. Zum Glück für Bad Lauchstädt ist der Bestand des Theaters mittlerweile gesichert und vor einigen Wochen hat die Landesregierung in Magdeburg  sechs Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um das Theater und die historischen Kuranlagen ab 2014 vollständig restaurieren zu können. Ich bin immer noch kommissarisch Geschäftsführer der Lauchstädter Theater-GmbH und freue mich sehr über diesen Erfolg.

Was waren und sind nun die größten Baustellen der Kultur- und Tourismusgesellschaft?

Da gibt es viele. Die Gesellschaft hat, obwohl 2005 gegründet, bisher keine eigene Identität ausgeprägt. Die Leitung der GmbH wurde überwiegend im Nebenamt ausgeübt, die Pirnaer Kulturbürgermeister und Geschäftsführer anderer Gesellschaften haben abwechselnd die GmbH geführt. Die einzelnen Bestandteile, darunter das 1861 gegründete Stadtmuseum , die 1907 gegründeten Wagner-Stätten, die Stadtbibliothek, die Herderhalle und der Touristservice hatten keinen echten Zusammenhalt. Die mit der GmbH-Gründung verbundene Absicht des Schulterschlusses und der engen Zusammenarbeit war kaum spürbar. Mittlerweile sind wir gemeinsam auf einem guten Weg. Die Leiter der einzelnen Einrichtungen bekommen einen Blick für die KTP ‚als Ganzes‘. Das fängt bei einer gemeinsam abgestimmten Wirtschaftsplanung an und geht bis zu konzeptionellen Absprachen zur Entwicklung einzelner Bereiche, beispielsweise des Stadtmuseums oder des Veranstaltungsbüros. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass das vorhandene Geld nur einmal ausgegeben werden kann. Mehr Personal bedeutet im Umkehrschluss weniger Mittel für dringend erforderliche Investitionen, für Öffentlichkeitsarbeit und für Veranstaltungen.

Graupa beispielsweise hat zwei Kustoden in Vollzeit und fünf Teilzeit-Mitarbeiter; das ist für ein mittelgroßes Museum eine vernünftige Besetzung. Eine eigene Hausleitung als zusätzliche Hierarchieebene zur Geschäftsführung erschien mir angesichts des vorhandenen Etats nicht sinnvoll. Hinzu kam, dass die Situation einer möglichen Kulturraumförderung völlig falsch beurteilt wurde. Dringend gebraucht wird in Graupa dagegen ein Veranstaltungstechniker, denn dass die Museologen für Veranstaltungen Stühle tragen, erscheint mir nicht sinnvoll.   

Eine weitere Baustelle ist die Herderhalle in Pirna-Copitz. Aus Sicht der von mir angestrebten Maximierung der Kulturraumförderung für die KTP ist sie ein Schlüsselprojekt. Die Herderhalle soll zu einem Treffpunkt für Jugendliche werden: mit guten Konzerten und einem Rundumangebot, bei dem sich die Jugendlichen in Pirna wiederfinden. Copitz ist problematisch, ein bisschen der Katzentisch der linkselbisch zentrierten Stadt, am Freitag wird in Copitz die neue NPD-Zentrale des Landkreises eingeweiht. Es geht auch darum, eine Stigmatisierung zu verhindern. Umso wichtiger ist es, mit der Herderhalle einen starken Akzent in die andere Richtung zu setzen. Wir brauchen kontinuierlich gute Angebote, dreißig, vierzig im Jahr, um den Veranstaltungsort zu etablieren. Einfach ist das nicht: die Halle ist gleichzeitig Schulsporthalle und Speiseraum des Gymnasiums, d.h. Proben und Aufbau können erst freitags nach Schulschluss starten, und bis zum darauffolgenden Montag früh muss alles abgebaut und geputzt sein, damit wieder geturnt werden kann.

Bei Ihrer Ankunft in Pirna quasi abgeschlossen war die Konzeption des neuen Wagner-Museums im Graupaer Schloss.

Aus heutiger Sicht bin ich froh, dass ich bei der Museumskonzeption nicht mitreden durfte; ich hätte es womöglich anders und sicherlich entschieden konservativer als Michael Hurshell gemacht. Ob sich aber der immense Erfolg des Hauses dann überhaupt eingestellt hätte? Trotz alledem: der Museumsbetrieb in Graupa ist risikobehaftet: die wichtigsten Exponate sind Multimediastationen. Bei einem  Stromausfall oder einem technischen Defekt ist das ganze Museum tot. An den Verschleiß der teuren Exponate muss auch gedacht werden. Ich denke, in Graupa macht den Erfolg die Mischung: die moderne, technisch orientierte Exposition im Jagdschloss und gegenüber, für die Traditionalisten, das Lohengrinhaus mit den nachgestalteten Wohnräumen Richard und Minna Wagners im Obergeschoss. 

Eine echte Herausforderung ist der große Konzertsaal des Jagdschlosses. Für seine erfolgreiche Bespielung braucht man in erster Linie Geld. Die Nähe zu Dresden ist Fluch und Segen zugleich: einerseits ist man in Dresden seit 500 Jahren gute Musik gewöhnt. Die Ansprüche des Publikums sind dementsprechend hoch. Hinzu kommt der sprichwörtliche Dresdner Eigensinn: der berühmte „Prophet im eigenen Land“ gilt in Dresden sehr viel, während es auf internationalen Podien längst etablierte Künstler mitunter schwer haben, ein Publikum zu finden.

Wie lässt sich Graupa als Veranstaltungsort denn insgesamt an?

Im Januar 2013 wurde Graupa durch die Schirmherrschaft Christian Thielemanns in den musikalischen Adelsstand erhoben. Die alte Verbindung Graupas zur Staatsoper ist damit gewissermaßen in der Person des „Nachfolgers Wagners“ wiederhergestellt. Die Auslastung der Veranstaltungen ist normal bis sehr gut. Graupa liegt aus Dresdner Sicht hinter der Pillnitzer Äquatorlinie, und es erfordert Entschlusskraft, zu uns zu kommen.  Es gibt immer wieder Veranstaltungen, bei denen ich mich frage, warum etwas "nicht geht". Ein exquisiter Liederabend mit ambitioniertem Programm beispielsweise findet keine achtzig Hörer. Nur vier Wochen später ist der Saal bei einem ebenso anspruchsvollen Programm des Vokalensembles AMARCORD schon Wochen im Voraus ausverkauft.

Für das nächste Jahr haben wir gute Programme eingekauft: einen Schubert-Liederabend mit dem Tenor Pavol Breslik, der an der Oper Zürich engagiert ist und kürzlich im Münchner Prinzregententheater mit dem Pianisten Amir Katz frenetisch feiert wurde, dann die wundervolle Sopranistin Ruth Ziesak, Klavierabende mit Martin Helmchen und der Französin Florence Delaage usw. Um den Geburtstag Wagners herum veranstalten wir eine »Wagneriade« mit unterschiedlichen Veranstaltungen, an den Geist der Salonkultur des 19. Jahrhunderts erinnernd. Zu einem Zuschauergespräch habe ich den Regisseur Hans Neuenfels eingeladen. Seine Bayreuther Lohengrin-Inszenierung halte ich für einen Meilenstein der Wagner-Rezeption. Ebenfalls eingeladen ist seine Frau, die wunderbare Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, die bei Fassbinder gespielt hat. Und interessant wird sicherlich auch die Vorführung des ungekürzten Syberberg-Films über Winifred Wagner. Fünf Stunden!

Am Sonntag ist zum wiederholten Mal das »Rote Sofa« bei Ihnen zu Gast. 

Schon im Januar hatten wir interessante Gäste: Olaf Bär, Isang Enders, Wolfgang Hentrich. Das Format finde ich gut, aber es müsste künftig dem Thema und dem Stil unseres Haus besser angepasst sein. Eine Cellosonateund darauf der Jingle: "Rotes Sofa, klingeling..." finde ich strapaziös.

Wenn Sie auf Ihre ersten Monate zurückblicken – gibts schon ein Fazit?

Ich bin von Haus aus Pessimist und immer überrascht, wenn es am Ende doch nicht so schlimm kommt wie befürchtet. Bei Graupa habe ich inzwischen ein gutes Gefühl.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: KTP

Die Richard-Wagner-Stätten in Graupa sind zum Publikumsmagneten geworden. Dabei hatte der Geschäftsführer René Schmidt letztes Jahr arg zu rudern, das Schiff auf Kurs zu bringen.
Foto: Jens Dauterstedt

 

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