Personalia 16.04.2019

Die Schönheit der Dissonanz – Ein gedanklicher Sonatenhauptsatz

Am 13. April wurde Prof. Milko Kersten auf der Jahresmitgliederversammlung zum neuen Präsidenten des Sächsischen Musikrates gewählt. In seiner Rede anlässlich dieser Wahl äußert er sich zu seinem Verständnis dieses Amtes.

Einleitung
Erstes Bedürfnis ist es mir, Prof. Dr. Christoph Krummacher für seine langjährige Tätigkeit als Präsident des SMR zu danken. Seine Verdienste um die lebendige Entwicklung des Sächsischen Musikrates klingen konsonant – zwischen den Mitgliedern des Musikrates, dessen Vorstand, den kulturpolitisch Agierenden und den Kulturschaffenden im Lande bewahrte und beförderte er einen gedeihlichen Wohl- und Zusammenklang. Kreative Potentiale konnten sich entfalten und es kann und muss bescheinigt werden, dass der Überzeugung des SMR, dass Bildung und Kultur eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung unserer Gesellschaft spielen, beharrlich Rechnung getragen wurde.

Der Präsident selbst aber sieht sein dreisätziges philharmonisches Werk der Amtsperiode im Vierjahrestakt nun als abgerundet an und gibt damit die Verantwortung für das Fortschreiben dieser gesellschaftlich hochkomplexen Sinfonie in jüngere Hände.

Die Mitgliederversammlung des SMR war aufgerufen, ein neues Präsidium zu wählen und hatte mit dem Votum zu interpretieren, ob dieser Einschnitt mehr einer Zäsur oder Fermate gleicht. Denn dass dem musikalischen Gesamtwerk ein Fortschreibungsmodus inne wohnt, der nicht in Frage gestellt werden wird, ist ein Verdienst aller bisherigen Musikratspräsidenten, denen in ihrem erfolgreichen Wirken zu folgen für mich eine große und ehrenvolle Herausforderung darstellt.

Exposition
Die Verortung des Musikrates als ein dem Gemeinwohl verpflichtetes Gremium, welches sich die Erhaltung der Vielfalt der Musikkultur, insbesondere in den Bereichen Amateur- und Jugendmusik und den Betrieb einer Landesmusikakademie in sächsischer Ausprägung zur Aufgabe gemacht hat, erfordert einen Blick zurück.

Zu Recht selbstbewusst stellt sich das Sächsische als eine der vielen wertvollen Ausformungen der deutschen Kultur dar. Gegenwärtige Diskussionen betonen dabei wieder stärker das Deutsche. Zu erinnern ist in dem Zusammenhang, dass das erste Deutsche Reich 1871 leider nicht zuvörderst als sinnstiftender staatlicher Verfassungsort gegründet wurde, sondern auch das Ergebnis eines militärischen Triumphes über Frankreich gewesen ist – mit der bis heute nachwirkenden Folge einer unseligen Spaltung von demokratischem und nationalem Empfinden. Ein Problem, welches mittlerweile etlichen Nationen des gegenwärtigen Europa zu schaffen macht. Egon Bahr schrieb in »Unzeitgemäßes zur Freiheit Europas«: »Nationalstaaten bleiben verantwortlich für Bildung und Ausbildung und ein gesellschaftliches Klima in ihren Ländern, in dem sich Menschen zu Hause und geborgen fühlen, also spüren, dass Lebensqualität mehr ist, als materieller Wohlstand.«

In diesem Sinne möchte ich das Wirken des Musikrates verstehen: einer sächsischen Nationalkultur als Teil einer deutschen Kulturnation beförderlich zu sein. Ziel wäre das lebendige Gestalten einer deutschen Nationalität, die den Begriff nicht staatlich, sondern sprachlich-kulturell definiert.

Wobei die Pflege von regionalen Traditionen, das Geltendmachen überlieferter Fertigkeiten und Bräuche, also eine Volkskultur in der Nationalkultur aufgeht. Diese wiederum steht in lebhaftestem Austausch mit anderen Nationalkulturen. Derartige fruchtbare Wechselwirkungen sind bereits jahrhundertelang Realität. Und Ängste, etwa dass die Ideologie des Multikulturalismus, die angeblich importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, und damit eine ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit darstellt, gilt es zu zerstreuen.

Ein gedeihliches sächsisches Kulturschaffen kann unmöglich, wie jedes andere auch, sich den Zwängen einer Uniformierung beugen, will es nicht verarmen. Universell soll es sein, auf das Gemeinsame zielend, welches Geborgenheit gibt. Für den Weg dahin ist die Dissonanz das produktiv treibende gesellschaftliche Moment. Sie kann noch vor ihrer Auflösung als schön empfunden werden und muss mitnichten befürchten, dass man sich in ihrer Nähe nicht zu Hause fühlen könnte, wenn man gelernt hat, das Naheliegende, die Konsonanz, nicht als das sofort Anzustrebende zu erwarten. Die Frage nach richtigen, falschen oder Leit-Kulturen (»Multi« heißt erst einmal nur »Viele«) ist wenig hilfreich.

Friedrich Schiller schrieb:

Höheren Sieg hat der errungen,
der der Wahrheit Blitz geschwungen,
Der die Geister selbst befreit.

Freiheit der Vernunft erfechten
Heißt für alle Völker rechten,
Gilt für alle ewge Zeit.

Das Befördern des Eigenen und das Offensein gegenüber dem Andersartigen sind zwei Seiten einer Medaille. Kunst und Lehre müssen frei sein – Vernunft ist nicht zu befehlen, ihr darf und sollte durchaus mehr zur Geltung verholfen werden.

Durchführung
Die Umstellung der deutsch-deutschen Kulturlandschaft nach 1990 kam einer Sturzgeburt gleich. So einmalig die Beseitigung einer ehemals als unverrückbar angesehenen Grenzanlage auch war, Grenzziehungen endeten 1990 keineswegs, sondern begannen auf ganz neue Weise.

Eine Geringschätzung der in Ostdeutschland entstandenen Kultur, Verbannung der Kunst dieses Landes aus den Museen, der Bücher aus den Regalen und der Musik aus den Konzertsälen des Landes war ein vermeidbarer Prozess, hätte die Kunst des Zuhörens und Verstehenwollens an den runden Tischen, so sie nach der der deutschen Einheit noch bestanden, einen höheren Stellenwert eingenommen. Die Auswirkungen dieser pauschalisierenden Nichtanerkennung machen sich bis heute schmerzlich bemerkbar. Das Vertrauen, eigene kulturelle Leistungen als Ressource zu verstehen, die sich selbstbewusst in einem Abstand zu den Ressourcen anderer Kulturkreise begreift und die zulässt, sich gegenseitig in ihren Wandlungen zu bereichern, dieses Vertrauen muss erst wieder gestärkt werden. Stärkung meint hier allerdings nicht erhöhte Laut-Stärke, zu der uniforme Masse fähig ist. Das denkfaule Uniforme, das nach Identitärem Rufende ist im Prozess demokratisch-polyphoner Satztechnik falsch am Platz, es ist kein gewinnbringender Kontrapunkt sondern lediglich gehörschädigend. Kultur verändert sich ständig und darin liegen ihre Stärke und Chance.

Die Arbeit des SMR sollte und wird ermutigen, immer wieder dem Vereinfachenden, dem bequemen Uniformen zu widerstehen und Differenzierung, Vielfalt und Widerspruch als bereichernd zuzulassen, zu erleben und zu befördern.

Reprise
»Nationalstaaten (in unserem Fokus der sächsische Freistaat) bleiben verantwortlich für Bildung und Ausbildung und ein gesellschaftliches Klima in ihren Ländern, in dem sich Menschen zu Hause und geborgen fühlen, also spüren, dass Lebensqualität mehr ist, als materieller Wohlstand.«

Bevor heute ein Kind liest, sieht es fern. Die für Sinnbildungsprozesse notwendige Retardation wird nicht mehr ausgehalten. Unsere Kinder haben enorm viel Wissen verfügbar, aber es mangelt an Bildung. In der Musik ist die Zeitspanne, die es benötigt, um sich etwas vertiefend anzueignen, deutlich länger als der Fingerstrich über einen Bildschirm. Im Musizieren liegt deshalb eine besondere und besonders wertvolle Chance der Bildung.

Friedrich Nitzsche mahnte: »Als ob es irgend einen Wert hätte, jemanden zu einem richtig denkenden und schließenden Wesen zu machen, wenn es nicht gelungen ist, ihn vorher zu einem richtig empfindenden zu machen.«

Das wäre mein Ansatz für die Inhalte kultureller Bildung.

  • Ich sehe davon ausgehend unsere wichtigen Aufgaben darin:
  • Rahmen zu schaffen für die freie Entfaltung von Talenten aus allen Schichten der Gesellschaft
  • Die musikalische Bildung als in das Zentrum gesellschaftlicher Erziehung gehörig zu etablieren bzw. dort zu stärken.
  • Der besonderen Bedeutung von Sprachkompetenz für kulturelle Bildung Rechnung tragend, anspruchsvolle Projekte des gemeinsamen Singens als selbstverständliche Lebensäußerung zu stärken und
  • im Tun die unendliche Vielfalt von Dissonanzen als Kategorie des Schönen zu lehren.

Sich die eigene Kultur erschließend, wird die Begegnung mit anderen Kulturen zum Gewinn.

Coda
Als langjähriger künstlerischer Leiter des Landesjugendorchesters Sachsen kenne ich den Sächsischen Musikrat schon über 20 Jahre. Die Geschäfte des SMR werden vom Geschäftsführer Torsten Tannenberg und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einer Leidenschaftlichkeit und Kompetenz ausgeführt, die mancherorts zu Recht beneidet werden. Die zuletzt amtierenden Mitglieder des Präsidiums haben mir in einer Fragestunde den Umfang der von mir erwarteten Tätigkeit offenherzig real geschildert und mich ermutigt, die Anfrage positiv zu bescheiden.

In einem vorbereitenden Gespräch, für dessen inhaltlich Dichte und Offenheit ich sehr dankbar bin, gab mir auch Prof. Dr. Christoph Krummacher das Gefühl, er sähe in mir einen geeigneten Nachfolger. In dem Teil meines Berufes, in dem ich Orchesterpädagoge bin, lehre ich den Schülerinnen und Schülern, dass Demokratie leben heißt, sich einzumischen und über das Debattieren den Weg zum Handeln zu suchen. Das muss dann natürlich auch für mich gelten.

Ich danke der Mitgliederversammlung des SMR für das entgegengebrachte Vertrauen und bin voller Vorfreude auf unsere gemeinsame Arbeit. Ebenso freue mich auf die (Wieder-)Begegnung mit den vielen kulturpolitisch Agierenden und den Kulturschaffenden im Lande. Mein Engagement als Präsident wird einen Grundton liefern, der, um Resonanzen im Land zu erzeugen, ihrer kreativen Dissonanzen bedarf.

Prof. Milko Kersten
Foto: anna.s.

 

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