Interview 26.06.2014

"Wir brauchen viel Wind zum Segeln"

Das Dresdner Heinrich-Schütz-Konservatorium wird als privater Verein geführt. Im Sommer steht für die Eltern eine Preiserhöhung an. Dem gegenüber klaffen nach jeder Tarifverhandlung neue Finanzlöcher im Finanzierungskonzept des Hauses. Ob es der neu gewählte Stadtrat wagt, die Musikschule wieder unter städtische Trägerschaft zu stellen? Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden des HSKD, Kim Ry Andersen.

Kim Ry Andersen, im November 2012 wurden Sie Vorstandsvorsitzender des Heinrich-Schütz-Konservatoriums. Was war damals Ihr Eindruck von der Struktur des Hauses?

Das Dresdner Konservatorium ist ein eingetragener Verein; das bedeutet, er wird geleitet von einer Geschäftsführung, und oberhalb der Geschäftsführung steht ein Vorstand. Dann gibt es noch die Mitgliederversammlung. Daneben steht ein Beirat. Kurz gesagt, jedes Mal, wenn ein Problem ansteht, muss ich 71 Personen befragen, die sich noch aus den Vorständen der beiden Musikschulen vor meiner Zeit zusammensetzen. Da bilden sich schnell 85 unterschiedliche Meinungen. Es erinnert mich an Kopenhagen, wo ich viele Jahre Geschäftsführer und Künstlerischer Administrator des Königlich-Dänischen Konservatoriums war. Von dort kenne ich die künstlerischen und betriebswirtschaftlichen Bedingungen und Abläufe, die notwendig sind, um eine Musikschule optimal zu führen.

War das der Grund, warum man Sie fragte, den Vorsitz zu übernehmen?

Ich denke, ich bin gewählt worden, weil ich als Verwaltungsdirektor und Stellvertretender Intendant der Dresdner Musikfestspiele erfolgreich gearbeitet habe, vor allem sicher aber, weil ich unpolitisch bin. Ich habe zwei Stellvertreter im Vorstand: der eine ist der Kulturbürgermeister Herr Dr. Lunau, der andere ist Herr Gaber, der ehemalige grüne Bürgermeister für Umwelt und Kommunalwirtschaft. Da wird jede inhaltliche Diskussion ganz schnell politisch festgefahren: ich stehe bei beiden immer in der Kritik, bringe es dann zu einer spannenden Diskussion und letztlich hoffentlich zu einem brauchbaren Ergebnis.

"Mein festes Ziel, das größte von allen"


Apropos Ergebnisse. Wie steht es mit dem Ziel, den Verein wieder unter städtische Leitung zu stellen?

Das war mein erster Gedanke, als ich das Amt übernahm. Es ist immer noch mein festes Ziel, eigentlich das größte Ziel von allen. Aber leider bin ich damit bis zur letzten Stadtratswahl nicht einen einzigen Schritt weitergekommen. Klar, wir dürfen nicht vergessen, dass auch städtische Einrichtungen finanzielle Probleme haben im Vergleich zu freien Vereinen – es ist insgesamt eine sehr komplizierte Schere. Ich habe dazu mit wichtigen Politikern gesprochen. Es ist mein Wunsch, dass alle an einem Tisch sitzen, denn es geht um die Zukunft der Kinder der Kulturstadt Dresden. 

Wie kann es sein, dass ein Verein dieser Größe seine Angestellten jahrelang unter Tarif bezahlt? 

Gestern war die neue Tarifrunde, wir werden uns wieder einigen.

Mit der Privatisierung des HSKD hat die Stadt die Tariffrage quasi vom Tisch geschoben. Sicher könnte man vieles klären, wenn man die Privatisierung wieder rückgängig machen würde, aber da spürt man wenig Wind aus dem HSKD.

Ja, auch ich habe den Eindruck, dass der Wind aus den Segeln ist. Wir haben das endlos besprochen. Viele Kollegen wollen das einfach nicht mehr hören. Meine Aufgabe ist es, nun das Thema wieder auf den Tisch zu bringen. Wir müssen die Unterschiede, die Vor- und Nachteile gemeinsam nochmals klar definieren. Das geht aber nicht ohne politische Perspektiven.

Vielleicht ist das Ziel, den Verein wieder unter städtische Trägerschaft zu stellen, mit den neuen Stadtratsmehrheiten nun in greifbare Nähe gerückt?

Das Grundsatzproblem ist doch: nach jeder Tarifverhandlung stehen wir mit einem Finanzloch da. Die Stadt steht jedes Mal für die Deckung von Extrakosten zur Verfügung, für mehr nicht. 

Aber kein Dresdner Kulturpolitiker wird sagen, das Thema sei nebensächlich. Kann es denn wirklich sein, dass für eine der größten Kultureinrichtungen der Stadt – immerhin mit 6.100 Schülern! – nicht die halbe Million mehr im Budget zu finden wäre? Immerhin in einer Stadt, die sich anschicken will, Kulturhauptstadt Europas zu werden?

Was sich auf jeden Fall sofort ändern muss: Realiter funktionieren wir momentan als GmbH. Jede Tariferhöhung müssen wir beantragen. Ob wir Eigenbetrieb sind oder nicht, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Regulierung in Zukunft automatisch erfolgt! Ich habe bei den Dresdner Musikfestspielen nie um einen müden Euro für das feste Personal nachsuchen müssen; die Honorare kamen automatisch, genau wie für die Mitarbeiter der Philharmonie, der Operette, auch von Hellerau. Wir bräuchten mindestens ca. 300.000 EUR jährlich, um das Personal zu halten.

Wo hat sich der Vorstand, wo hat sich die Geschäftsführerin in dieser Diskussion positioniert? Was sind Frau Kaspers Ziele?

Fragen Sie sie selbst! Sie muss das Ganze planmäßig zusammenhalten. Meine erste Amtshandlung als Vorstandsvorsitzender war, im eiskalten Dresdner Winter vor dem Rathaus für die Lohnerhöhungen mit den Schülern und Lehrern musikalisch zu streiken. Man hat das so jedes Jahr gemacht, als Ventil, weil man keinen Ausweg wusste, weil die Nähe zum Rathaus fehlt. Nachdem ich eine starke Erkältung hatte, habe ich gleich gesagt, das muss auf eine andere Ebene. 

"Augenblickliche Konstruktion funktioniert nicht"


Wir haben es offenbar mit einem Strukturproblem der Geschäftsführung zu tun. Ist es wirklich produktiv, wenn das Konservatorium im Vorstand den Kulturbürgermeister hat, der einen Haushalt beschließt, der anschließend dem Kulturbürgermeister zum Entscheid vorgelegt wird? Sollte diese Konstruktion nicht schnellstens überarbeitet werden?

Unbedingt! Sie sehen, wie politisch abhängig das HSKD ist. Es ist weit entfernt von einer privaten Einrichtung mit unbekannten Namen, es ist immer noch städtisch konstruiert. Das ist aber auch ein Vorteil: eine Rückführung in die Stadt ist jetzt noch mit einem Federstrich möglich!

Wie selbstbewusst der Kulturbürgermeister für Kultur kämpft, ist sicherlich ein Thema, aber auch, wie selbstbewusst das HSKD um Mittel kämpft. Sollte der Bürgermeister aktiv aus dem Vorstand austreten?

Dass der amtierende Kulturbürgermeister regelmäßig vor Ort ist, ist nicht ganz unwichtig. Fest steht aber, die augenblickliche Konstruktion kann nicht funktionieren. 

Und die Eltern? Ich habe das Gefühl, solange der Unterricht stattfindet, sind den meisten die tariflichen und kulturpolitischen Begleitumstände schnurz.

Das ist eins der positiven Dinge, die ich während meiner Tätigkeit hart durchgesetzt habe! Damals hatten die Eltern das Gefühl, sie sollen nur zahlen, mehr nicht. Das ist aber falsch! Mehr Demokratie war dringend notwendig, dafür stehe ich. Es gibt nun erstmalig in der Geschichte des HSKD eine Elternvertretung, diese ist nun zusammen mit der Personalvertretung bei den Vorstandssitzungen dabei, und jede Sitzung beginnt mit einer Aussprache mit diesen Gruppen. Eines Tages werden die Eltern auch Stimmrecht erhalten. Dass sie jetzt Anwesenheitsrecht haben, ist nur der erste Schritt. Die Eltern wollen auch mit uns in diese Richtung. 

"Die städtische Trägerschaft ist möglich!"


Was sind Ihre Nahziele?

Bis jetzt ist es gelungen, das hohe Bildungsniveau zu halten. Wir haben eine Erhöhung der Schüleranzahl, das bedeutet, wir haben momentan fast 1500 Schüler, die wir noch nicht bedienen können. Wir brauchen Räume und Lehrer; wir müssen dringend expandieren. Ich bin nicht froh, dass wir diese Kinder jetzt nicht bedienen können. „Jedem Kind ein Instrument“ - aber „Jedem Kind auch seinen Musiklehrer“, würde ich sagen. Alle sollen eine Chance erhalten, nur: solange wir um die Tarife kämpfen, können wir uns nicht voll den sozialen Problemen zuwenden. Es müsste Stipendien geben für sozial schwache und hochbegabte Kinder. Kinder, die von selbst den Wunsch haben zu musizieren. Also, wenn ich höre, dass die kleine „Bratsche“ sich das nicht leisten kann, und dann noch der Satz fällt, dass man eben nicht alle ausbilden kann, kann ich das nicht akzeptieren.

Das müsste auch einmal gesagt werden: das Konservatorium hat im bundesweiten Vergleich außergewöhnlich hohe Gebühren.

Erst einmal: Man kann die Kulturstadt bzw. Landeshauptstadt Dresden, wo seit Jahrhunderten Musikerfamilien leben, nicht mit einem anderen Bundesland vergleichen. Kaum eine Musikschule hat so viel Preisträger wie wir. Das ist den sehr guten Fachlehrern zu verdanken, die uns die Treue halten. Die Jugend, die wir hier ausbilden, prägen die exzellente Dresdner Kultur und unsere zukünftige Gesellschaft. Einige Kinder werden sicher die Laufbahn des Musiklehrers finden und zu uns zurückkommen. Vergessen wir bitte nicht: Alles was wir Kindern an Gutes geben, kommt eines Tages vielfältig zurück. 

Und jetzt zu den Gebühren. Obwohl wir eine der teuren Musikschulen sind, müssen wir jedes Jahr die Preise anpassen. Wir machen jetzt einen Vorschlag für eine Anpassung ab August 2014. Pianisten (deren Ausbildung kostet richtig Geld!) sollen vielleicht etwas mehr zahlen, aber wenn ein Knirps Tuba lernen will, was selten ist, sollte er Rabatt bekommen, und wenn seine beiden Geschwister Kontrabass spielen, kriegt er einen Bonus. So ungefähr.

Es sollte uns schon zu denken geben, wenn eine geförderte Einrichtung teurer als der Markt der privaten Musikschulen ist. Eigentlich müsste die Stadt doch die kulturelle Grundversorgung zur Verfügung stellen. Dazu gehören die Räume, der qualitätsvolle Unterricht mit gut ausgebildeten Lehrern. Und dazu gehört der Zugang zu diesem Unterricht, der möglichst niederschwellig sein sollte. Ich kann doch nicht nur dem Bildungsbürgertum den Zugang erlauben. 

Da bin ich absolut einer Meinung mit Ihnen! Aber man sollte genau wissen, wofür die Zahlen stehen. Ich will nicht vorgreifen, aber mein Eindruck ist, die Elternvertreter haben Verständnis für bescheidene Erhöhungen. Wir haben ja als traditionelle Musikschule mehrere Pluspunkte im Vergleich zum privaten Musikunterricht und auch zu anderen adäquaten Musikschulen. Die Vielfalt des Fächerangebotes, die Qualität des Unterrichts, das Repertoire, die über 400 Auftrittsmöglichkeiten pro Jahr zur Heranbildung der Bühnenpräsenz, unsere eigenen bekannten Orchester und Bands. Großen Wert legen wir auf den Ensemble-Unterricht. Das ist aus meiner Sicht als Musiker einer der wichtigsten Punkte unserer Tätigkeit überhaupt. Die Kinder haben Respekt vor Lehrern. Wenn sie aber von Gleichaltrigen im Ensemble, das loslegen will, gerügt werden, "ach, du hast nicht geübt?", dann merken sie sich das! Ein Orchester hat zahlreiche Instrumente, wir bedienen alle, dazu Gesang und Tanz. Wir spielen mit Profiorchestern wie der Dresdner Philharmonie, und namhafte Musiker geben Workshops. Das wollen wir weiter ausbauen. Viele Musikschulen können das gar nicht leisten, was wir machen. So gesehen sind wir ein gut getakeltes Flaggschiff und brauchen für die Zukunft viel Wind zum Segeln. 

Die Fragen stellten Martin Morgenstern und Torsten Tannenberg.

Foto: privat


Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden e. V.

Glacisstraße 30/32
01099 Dresden

Tel. 0351 82826-45

 

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