Interview 24.11.2014

»Das Leben war spannender und bunter, als ich es erahnte«

In diesem Jahr stand der Fachbereich Alte Musik an der Dresdner Hochschule für Musik unter keinem besonders guten Stern: Nachdem es den renommierten Professor für Alte Musik und Violine John Holloway in diesem Jahr an die Hochschule in Trossingen verschlug, verlässt ein weiterer Spezialist im Bereich Alte Musik seine Professur in Dresden. Prof. Ludger Rémy, der eine internationale Karriere als Cembalist, Dirigent, Pädagoge und Geschichtsforscher feierte, geht in den staatlich verordneten Ruhestand.

Als Sohn eines Landtierarztes verbrachte Ludger Rémy seine Jugend nicht hinter dem Cembalo – die Beschaffenheit des väterlichen Berufs hatte in ihm ein großes Interesse für Naturwissenschaften, besonders die Bakteriologie, geweckt. Dennoch entschloss sich Rémy im unruhigen Herbst 1968, ein Schulmusik-Studium anzutreten. Was ihn immer reizte und bis heute antreibt, war und ist die Warum-Frage. Mit einem salopp dahergesagten „Das macht man einfach so“ gab er sich wie viele Studenten seiner Generation nicht zufrieden. Der damals aktuelle Protest schärfte nicht nur den Verstand, sondern auch die Ohren, war deshalb für viele der Keim kritischen Denkens. In diesem Sinn war die Beschäftigung gerade mit Alter Musik eine komplett andere und auch freiere Art, über jedwede Musik nachzudenken.

Rémy studierte in Paris bei Kenneth Gilbert, der ihm erstmals die Schönheit und die Sinnlichkeit des Cembaloklangs vermittelte. Weiterhin inspirierten ihn Persönlichkeiten wie Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt und der Cembalobauer Martin Skowroneck, aber auch Literatur von Lessing, Montaigne und Lichtenberg.

Obwohl Rémy aufgrund seiner Flugangst nie in Übersee gewesen war, wurde er bald weltweit als Dirigent, Musiker und Musikforscher bekannt. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit fand er in der Wiederentdeckung und Wiederbelebung älterer deutscher Musik, besonders derjenigen Carl Philipp Emanuel Bachs. Es faszinierte ihn, was sich hinter manchen unbekannten Werken für Schätze verbargen: „Denn in der Regel ist das Wiederentdeckte richtig gut; sogar die Werke des Alkoholikers Liebold (von dem man nichts weiß, außer dass er im Suff erfror) erweisen sich als ergreifend – heute noch!“

Zeit seines Lebens war ihm Authentizität und Aufrichtigkeit bei der Wiedergabe von Musik extrem wichtig. Um diese zu erreichen, mussten für ihn die Umstände kompromisslos stimmen (wie Instrument, Intonation, Stimmung und Stimmtonhöhe, Grundregeln), aber ebenso sollte als entscheidendes Element der eigene Atem vorhanden sein, das Ich, das etwas mit den Tönen so sagen will, als ob sie erst in diesem Moment entstünden. Authentizität, sagt Rémy, ist mit Regelwerk und Instrumentarium allein niemals erreichbar. Dazu bedarf es des lebenden Musikers.

Auf die Frage, auf welche Station in seinem Leben er am liebsten zurückblicke, antwortet der Musiker, dass es keine Stationen gebe, höchstens Scheidewege. Ohne groß an Karriere zu denken, machte er stets das, was ihn am brennendsten interessierte; sei es die Beschäftigung mit dem Cembalo, dem Hammerklavier, Opernbearbeitungen, das Übersetzen älterer Texte oder das Dirigieren. „Das Leben war spannender, besser und bunter, als ich in meinen kühnsten Träumen erahnen konnte. Doch noch blicke ich nicht zurück, sondern nach vorne.“

Kritisches Denken hofft der Pädagoge auch seinen Studenten übermittelt zu haben. Freies Musizieren, Humanitas, Distanz zum Wörtchen „man“ waren für ihn Leitfäden seines Unterrichts, aber auch Mut zur Freude an der Musik und ihren Aussagen und an der eigenen Fähigkeit dazu.

Dass Ludger Rémy nun nach langjähriger Tätigkeit in Rente geht, möchte noch lange nicht heißen, dass Studenten der Hochschule im Fach Alte Musik zu kurz kommen – im Gegenteil, der Unterricht soll sogar ausgebaut werden. Zum einen arbeitet Prof. Rémy im Lehrauftrag weiter, zum anderen übernehmen renommierte Lehrende der Hochschule, unter anderen Kreuzorganist Holger Gehring und der gefeierte Zelenka-Spezialist Václav Luks einen Teil der pädagogischen Tätigkeiten Rémys. Des Weiteren werden nach wie vor unter der Leitung von Luks sechs Mal jährlich im Marcolini-Palais Konzerte mit Bachkantaten musiziert, von denen zahlreiche Studenten profitieren – Dirigenten, Chor- und Solosänger und Instrumentalisten. Ebenfalls ist geplant, dass Historische Aufführungspraxis zunehmend im Hauptfachunterricht gelehrt wird – zahlreiche Professoren, beispielsweise Céline Moinet (Oboe), Robert Langbein und Christian Friedrich Dallmann (beide Horn), sind zusätzlich im Bereich Alte Musik und Historische Aufführungspraxis versiert.

Nichtsdestoweniger soll die Professur dem Sächsischen Hochschulgesetzes gemäß neu ausgeschrieben werden. Bis ein angemessener Nachfolger gefunden und eingestellt wird, kann erfahrungsgemäß einige Zeit verstreichen; Hochschuldirektor Prof. Ekkehard Klemm rechnet jedoch damit, dass dieser noch vor dem Wintersemester 2015 an der Hochschule begrüßt werden kann.

Freya Apffelstaedt

Ludger Rémy
Foto: PR

John Holloway
Foto: Jörg Kellner

 

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