Rezension 21.09.2014

Britische Blicke

Heute geht das 3. Musikfest Erzgebirge zu Ende. An 12 verschiedenen Konzertorten standen die zehn Festtage ganz unter dem Motto »Blicke« – Einblicke, Ausblicke und Blicke, die nicht nur bis zum nächsten Hügel, sondern bis in ferne Länder reichten. Helen Rotluff war für »Musik in Sachsen« bei einem besonderen Konzert dabei.

Während am Abend des 19. September 2014 im Erzgebirge ein Unwetter tobte, die Blitze in regelmäßigen Abständen die Straßen von Marienberg erhellten, schufen die dreißig Mitglieder des englischen Choir of King’s College Cambridge in der örtlichen St. Marienkirche eine ganz andere, fast zauberhafte Atmosphäre. Mit Werken von Byrd über Britten bis hin zu Brahms begeisterten die Sänger unter der Leitung von Stephen Cleobury anlässlich der Konzertreihe des »Musikfestes Erzgebirge« das Publikum.
Der Choir of King’s College Cambridge, vor über 500 Jahren gegründet, prägte gemeinsam mit weiteren Kathedralchören Englands reichhaltige Musikgeschichte. Neun Jahre alt sind die jüngsten der vierzehn Knaben, die gemeinsam mit den vierzehn jungen Männern den Choir of King’s College Cambridge bilden und gemeinsam mit zwei jungen Organisten traditionell sechsmal pro Woche den Gottesdienst in Cambridge musikalisch gestalten und großen Wert auf die Pflege der eigenen geistlichen Musik legen. 

Dieser Schwerpunkt wurde im ersten Teils des Konzerts deutlich. So erhielten die Zuhörer – passend zum aktuellen Musikfest-Motto »BLICKE« – EINBLICK in die britische Chortradition, unter anderem mit Werken von William Byrd, Henry, Purcell und Thomas Tallis. Im zweiten Teil lag der Fokus auf der geistlichen deutschen Vokalmusik von Barock bis Romantik. Hier waren Werke von Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms vertreten.

Vom ersten Ton des ersten Titels »Sing joyfully« von William Byrd lauschte das Publikum gebannt. Nicht nur im Programm, auch in der Interpretation der Werke wurden der Facettenreichtum und die Vielseitigkeit des Chores deutlich. Ob a-capella und mit Orgelbegleitung, allein als Knaben oder als Männer, solistisch oder achtstimmig: in jeder Form überzeugte der Choir of King’s College Cambridge mit harmonischem Stimmklang und technisch einwandfreiem Gesang. Einen der Höhepunkte bildete außerdem Herbert Howells »Master Tallis‘ Testament« auf der großen Orgel der St. Marienkirche, das von Howell, geprägt von der Trauer über den Tod seines Sohnes an einer Polio-Infektion 1939 komponiert wurde.

Der Konzertort, die St. Marienkirche in Marienberg, kann ebenfalls auf eine weitreichende Geschichte zurückblicken: 1521 wurde Marienberg von Herzog Heinrich den Frommen aufgrund reicher Silberfunde im Marienberger Raum gegründet und komplett quadratisch aufgebaut. Die St. Marienkirche ist Sachsens jüngste spätgotische Hallenkirche und bildete damit eine passende Kulisse für die britischen Sänger.

Am Ende des Konzertes belohnte das Publikum die Sänger und Organisten mit lang andauernden stehenden Ovationen. Nach dem Konzert waren viele lobende Worte zu hören: »Fantastisch!«, »Schön!«, »Grandios!« Ein Zuschauer, der extra aus Dresden angereist ist, schwärmte: »Es war einfach toll. Ich habe nicht erwartet, dass ich hier ein so dynamisches Ensemble erleben kann. Ich habe den Chor bereits schon im Radio gehört – aber der Klang hier im Raum, die Dynamik – es war einfach beeindruckend!«

Auf eine Zugabe musste das Publikum jedoch verzichten. Dirigent Stephen Cleobury bedankte sich für den Applaus und entschuldigte die Sänger: »Es ist leider schon zu spät dafür...«   

Das Konzert in Marienberg war für die britischen Sänger vorerst das letzte in Deutschland. Wer es nicht miterleben und auch die Live-Übertragung im Deutschlandradio Kultur nicht hören konnte, muss den Weg nach England wählen, um die den Choir of King’s College Cambridge live erleben zu können.

Helen Rotluff

Impressionen
 

Werbung