Allgemein 19.07.2015

645 Jahre Kreuzchor – Wie alles begann

2016 feiert der Dresdner Kreuzchor sein 800jähriges Jubiläum. 1206 wurde die Stadt bekanntlich urkundlich das erste Mal erwähnt, zehn Jahre später erstmals als "civitas", als Stadt bezeichnet; da meint man nun, die damalige Stadtkirche habe doch sicherlich auch Chorknaben gehabt, die in einer entsprechenden Schule unterrichtet wurde. Quod esset demonstrandum, dachte sich »Musik in Sachsen«-Redakteur Martin Morgenstern – und grub sich in die Archive ein...

Dresden an einem düsterfeuchten Nebelmorgen. Die Kamerafahrt geht über die Kathedrale und das Dresdner Schloss. Wolken fliehen über dem Schattenriss der Heiligenskulpturen. Dann tönt es aus dem Hintergrund, als murmelte der Gottvater selbst durch den Rauschebart: "WAS IST ZEIT? WIE LANGSAM IST SIE – ODER WIE SCHNELL?"

"Quam breuis est hora, que labat absque mora", zitiert dazu Wanders berühmtes Sprichwörterlexikon, und übersetzt gleich mit: "Die Zeit verschwindt', eh man's besinnt." So muss man sich denn 2012, zum 800jährigen Jubiläum des Thomanerchors, in Dresden gedacht haben: was Leipzig kann, kann Dresden auch: ein rundes Jubiläum muss her! 

Die Stiftungsurkunde des Chorherrenstifts zu St. Thomas, die Kaiser Otto IV am 20. März 1212 besiegelte durch ihre Formulierung in Vergangenheitsform, dass die Gründung der dortigen Klosterschule nebst Knabenchor bereits stattgefunden haben musste. Die Thomaner bezogen sich 2012 in ihren Feierlichkeiten sozusagen bescheiden auf das jüngstmögliche belegbare Gründungsdatum, wahrscheinlich ist der Chor ein paar Jahre älter.

Ein so eindeutiges Gründungsdatum für den Dresdner Kreuzchor zu benennen, fällt indes schwer. 1206 wurde die Stadt bekanntlich urkundlich das erste Mal erwähnt, zehn Jahre später erstmals als "civitas", als Stadt bezeichnet. Der "Dehio", das "Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler", das auf eine Initiative eines 1900 in Dresden abgehaltenen Tages für Denkmalpflege zurückgeht, meint, die Kreuzkirche bzw. ihr erster Vorgängerbau müsse "gleichzeitig mit der Stadt um 1200" gegründet worden sein. Und da liegt es nahe anzunehmen, die damalige Stadtkirche habe doch sicherlich auch Chorknaben gehabt, die in einer entsprechenden Schule unterrichtet wurden. Die entsprechende Formulierung des Pressesprechers war dementsprechend immer etwas vage: "Die Geschichte des Kreuzchores umfasst weit über sieben Jahrhunderte", hieß es in der offiziellen Chronik. Die 2006 erschienene Monografie »Der Dresdner Kreuzchor« räumte, so der damalige Rezensent Bernd Klempnow, "mit den teils über die Jahrhunderte mitgeschleppten Legenden auf: der Chor sei so alt wie die Stadt Dresden - also jetzt 800 Jahre -; die Kreuzschule sei zur Ausbildung des Chorsänger gegründet worden. Wolfram Steude widerlegt beide Behauptungen als nicht bewiesen. Vielmehr kann er anhand von Urkunden aus den Jahren 1300 und 1334 die Ersterwähnung eines Kaplans, also eines Schulmeisters, belegen."

Doch dann überraschte Kreuzkantor Roderich Kreile vor drei Jahren auf einer Pressekonferenz die anwesenden Journalisten. Es ging um den Neubau des Alumnats: der solle nämlich "im Jahr 2016, dem Jahr des 800jährigen Jubiläums des Dresdner Kreuzchors, übergeben werden." Auf die Nachfrage ("Aha, ein neues Jubiläum?") gab sich der Kreuzkantor freudig gespannt – und räumte gleichzeitig ein, dass man sich mit dem Datum "einfach habe irgendwann einmal festlegen müssen".

Noch in der aktuellen Jubiläumsbroschüre tut man sich allerdings ein bisschen schwer, die tatsächlichen Anfänge des Chors deutlich zu schildern. "Die Kreuzkirche war im Mittelalter die älteste Kirche innerhalb der Stadt Dresden und ihre Lage am Altmarkt verdeutlicht dies", schreiben Roderich Kreile, Pfarrer Holger Milkau, Kreuzorganist Holger Gehring und Superintendent Christian Behr dort in ihrem gemeinsamen Vorwort. "Die reiche kirchenmusikalische Ausgestaltung der Vespern durch den Gesang des Kreuzchores und Orgelspiel ist bereits seit 1371 schriftlich belegt", heißt es weiter. Das war – genau – vor 645 Jahren. 

Nun hat das stolze Dresden ja Erfahrung mit unrunden Jubiläen. Viele Einwohner werden sich noch erinnern: »781 Jahre Dresden« – diese Aufkleber zierten 1987 viele Dresdner Autos, und gaben der leisen Ironie ihrer Besitzer Ausdruck, das mit Pomp und Circumstance zeitgleich gefeierte Jubiläum »750 Jahre Berlin« betreffend. In den folgenden Jahren lief die Zeit, die jahrelang auf der Stelle getreten zu haben schien, dann auf einmal ganz, ganz schnell...

Für »Musik in Sachsen« ist das bevorstehende Jubiläum also ein willkommener Anlass, noch einmal in die Anfänge der Geschichte der Kreuzkirche – beziehungsweise der früheren Nikolai-Kirche, nach dem hl. Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Händler und Kaufleute – zurückzuschauen. Wie müssen wir uns dabei die Anfangsjahre des Kreuzchores vorstellen, dessen Geschichte eigentlich erst seit der Reformation mit dem ersten Kreuzkantor Sebaldus Baumann (* um 1515; gestorben nach 1588, als er in den Archiven des Stadtrates als Wirt des "Güldenen Löwen" letztmalig erwähnt ist) relativ lückenlos belegbar ist?

"Wie nämlich von dem Beginne des Mittelalters an bis zum Anfange des 16ten Jahrhunderts Finsterniß die Völker Europas überhaupt deckte", lesen wir da etwa in Gottlob Eduard Leos "Geschichte der Reformation in Dresden und Leipzig" (Leipzig, 1839, Verlag Carl Cnobloch), "so waren auch die damals Herzoglich Sächsischen Lande mit ihren beiden größten Städten Dresden und Leipzig dem Irrthum und Aberglauben verfallen. Wenden wir unsern Blick zuerst auf Dresden (...)":

Große Wallfahrten wurden alljährlich zu der Frauenkirche in Neudresden (jetzt Altstadt-Dresden) veranstaltet. Es wurde nämlich in dieser Kirche ein großes wächsernes Marienbild aufbewahrt, von welchem man viele Wunder erzählte, und welches besonders die Kraft, Kranke gesund zu machen, haben sollte. In noch größerem Ansehen jedoch stand, selbst noch zu Luthers Zeiten, der sogenannte schwarze Herrgott der Kreuzkirche, unter welchem wir ein großes schwarzes Crucifix zu verstehen haben.* 

Schon Heinrich des Erlauchten Gemahlin hatte nämlich vorgeblich im Jahre 1234 ein Stück des heiligen Kreuzes nach Dresden gebracht, welches in der nun sogenannten Kreuzkirche aufbewahrt wurde. Desgleichen soll auch im Jahre 1299 ein auf der Elbe herzugeschwommenes Kreuz aufgefangen und in feierlicher Procession in die Kreuzkirche zur Aufbewahrung und Verehrung gebracht worden sein. In der Dreikönigskirche wurde die Fußsohle der heiligen Maria aufbewahrt, zu welcher ein sehr großer Zulauf war, und selbst nach Einführung der Reformation dauerte die Verehrung der Maria in dieser Kirche noch eine Zeit lang fort.

*) Dass dasselbe mit einer Menschenhaut überzogen gewesen und von den vielen Lichtern, welche um dasselbe angebrannt worden wären, schwarz geworden sei, gibt Hilscher (Etwas zu der Kirchenhistorie in Altdresden. 1721, S. 18) an; allein es ist dieß wohl nur eine Vermuthung Hilschers, deren Wahrheit aus geschichtlichen Denkmälern sich schwer nachweisen läßt.

Der Kreuzchor wurde also vermutlich gegründet, um der Kreuzreliquie, die Constantia von Babenberg (1212-1243) zweiundzwanzigjährig als Mitgift mit nach Dresden brachte und die Stadt damit endgültig zu einem beliebten Wallfahrtsort machte, einen angemessenen musikalischen Rahmen geben zu können. Jedenfalls taucht erst im Rahmen eines Kapell-Neubaus an der Südseite der Nikolaikirche 1319, der so genannten "Kreuzkapelle", dieser Name des Chors überhaupt erstmals auf. Und zur Umbenennung der Kirche in "Kreuzkirche" (und der offiziellen Kirchweihe als Kirche "zum Hl. Kreuz" am 10. Juni 1388) bedurfte es, nachdem die Kreuzreliquie offenbar irgendwann verlorengegangen oder gestohlen worden war, erst des erneuten Anstoßes durch den "Schwarzen Herrgott", wie die frühen Quellen berichten. Erst mit ihm war man auf dem 'Jahrmarkt' der religiösen Besonderheiten in Dresden wieder konkurrenzfähig mit der Dreikönigskirche, die – wie erwähnt – mit der Fußsohle der jungfräulichen Muttergottes aufwarten konnte ("Johannes der 22. dieses Nahmens, Papst, hat allen denen, die dieses Maaß andächtig küssen, und 3 Vaterunser, und 3 Ave Maria beten, 700 Jahr Ablaß verliehen." Hilscher, 14) Der Ruf dieses geheimnisvollen Kreuzes, mag es nun mit Menschenhaut bezogen gewesen sein oder nicht, hielt sich denn auch erstaunlich lang: nicht nur fand die Redewendung "Er sieht aus wie der schwarze Herrgott" Eingang in das bereits erwähnte "Deutsche Sprichwörter-Lexikon" von Karl Friedrich Wilhelm Wander. Hilscher berichtet zudem: "Sonderlich aber war der schwarze Herr Gott zu Dresden in sehr grossem Ruffe auch noch zu Lutheri Zeiten, daß von allen Orten, und Enden nach demselben ein ungemeiner Zulauff gewesen." (Hilscher, 17)

Mit der Reformation 1539 kam der "Schwarze Herrgott" mit andern Reliquien – darunter ein Stein, mit dem angeblich der Hl. Stephanus gesteinigt worden war – auf den Boden der Sakristei, die 'Götzenkammer' genannt. Das Kreuz verbrannte dort am 19. Juli 1760, als unter den preussischen Bomben die Kreuzkirche zusammenstürzte, wie Wanders Sprichwortlexikon weiter berichtet.

So bleibt es nun jedem Kruzianer, jedem Dresdner und jedem Freund des Knabenchors selbst überlassen, ob er 2016 die "800" gelten lassen mag, ob er still und heimlich "782 Jahre Kreuzchor" feiert in Erinnerung an die an dieser Stelle musikalisch angebete Kreuzrelique, "717 Jahre" – in Erinnerung an das in den Elbewellen angespülte schwarze Kreuz oder, ganz preußisch-korrekt "645 Jahre Kreuzchor" in Bezug auf die erste schriftliche Erwähnung des Chores. Ältere Kruzianer dürfte das neue Jubiläum in jedem Falle freuen: haben sie doch als junge Knaben unter Rudolf Mauersberger bereits die runden "700 Jahre Dresdner Kreuzchor" mitfeiern dürfen. Und zwar – individuell und je nach Zählung – in den Jahren 1931, 1937 oder 1947. Die Zeit verschwindt', eh man's besinnt.

PS: Es soll mithin darauf hingewiesen werden, dass der Kreuzchor bereits 1916 und 1926 sein 700jähriges Bestehen feierte. 1916 widmete Max Bruch dem Chor zum runden Jubiläum die Komposition »Im Himmelreich« (e-Moll, op. 90/1). Und 1926 schilderte Karl Held die Geschichte des Chores und argumentierte dann in der 'Zeitschrift des Kirchenchorverbandes der Sächsischen Landeskirche' organisatorisch-pragmatisch: "Damit haben wir die Spuren der Dresdener Pfarrschule bis ins 12. Jahrhundert zurück verfolgt, sodaß die Berechtigung einer 700=Jahrfeier der Kreuzschule und ihres Sängerchores nicht bestritten werden kann. Mit demselben Rechte hätte sie sogar schon weit früher erfolgen können. Da aber in diesem Jahre der 60=jährige Bestand des berühmten neuen gotischen Schulgebäudes auf dem Georgplatze festlich begangen werden soll, hat man sich endlich entschlossen, gleichzeitig wenigstens das 700=jährige Jubiläum des Chores und der Schule nachzuholen, das voraussichtlich sehr viele alte Crucianer an den trauten Stätten zusammenführen wird."

Nichts anderes ist nun für 2016 zu erwarten.

Die Stiftungsurkunde, die das Alter des Thomanerchores eindeutig datiert: 2012 feierte der Leipziger Knabenchor sein 800jähriges Jubiläum.
Foto: Wikimedia Commons

Drei Kruzianer in Kurrendetracht (1957)
Foto: Heinz Nagel, Deutsche Fotothek

Der Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger 1931...

...und 1957
Foto: Deutsche Fotothek

Kreuzkantor Rudolf Mauersberger feierte das Jubiläum »700 Jahre Kreuzchor« im Jahr 1937. Unsere Titelgrafik imaginiert bereits die später einsetzenden Jubiläumsdiskussionen...

Literatur:

Dehio, Georg. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Im Auftrage des Tages für Denkmalpflege. Ernst Wasmuth, Berlin 1905. (Digitale Kopie)

Zum 700jährigen Bestehen des Dresdner Kreuzchors. »Der Kirchenchor«, Zeitschrift des Kirchenchorverbandes der Sächsischen Landeskirche No. 27/8 (1916)

Dittrich, Paul. Schola Crucis. 700 Jahre Dresdner Kreuzchor. Hentrich, Berlin 1947.

Härtwig, Dieter und Matthias Herrmann. Der Dresdner Kreuzchor: Geschichte und Gegenwart. Wirkungsstätten und Schule. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006.

Held, Karl. Das Kreuzkantorat zu Dresden. Breitkopf & Härtel, 1894.

Held, Karl. Zur 700=Jahrfeier der Kreuzschule und des Kreuzchores zu Dresden. »Der Kirchenchor«, Zeitschrift des Kirchenchorverbandes der Sächsischen Landeskirche No. 37/10 (1926)

Hilscher, Paul Christian. Etwas Zu der Kirchen=Historie in Alt=Dreßden, Von der Reformation an biß auff das andere Jubilaeum. Joh. Christoph Mieths, Dreßden und Leipzig 1724. (Digitale Kopie)

Leo, Gottlob Eduard. Geschichte der Reformation in Dresden und Leipzig. Carl Cnobloch, Leipzig 1839. (Digitale Kopie)

Socher, Otto. 700 Jahre Dresdner Kreuzchor. Selbstverlag des Kreuzchors, Dresden 1937. 

Wander, Karl Friedrich Wilhelm. Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Brockhaus, 1866-1880. (Digitale Quelle)

 

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