25.04.2019

Sächsische Botschafter in Bogotá

Kolumbien und Klassik - aus eurozentristischer Sicht ein ungleiches Paar. Das Festival »Bogotá es Brahms, Schubert, Schumann« bewies das Gegenteil.

50 Konzerte in nur vier Tagen, zwölf davon bei freiem Eintritt, das alles an 15 verschiedenen Spielstätten mit insgesamt sieben Orchestern, sechs Chören, sowie zahlreichen Kammermusikensembles und mehr als 30 Solisten aus aller Welt. Welches Musikfest mag wohl derartig ambitioniert Risiken eingehen?

Kein auch noch so aufgeschlossen und avanciert sich gebendes Festival Europas leistet sich solche Ansprüche, aber die kolumbianische Hauptstadt Bogotá hat tatsächlich ihre seit 2013 im zweijährigen Turnus stattfindenden internationalen Klassik-Festspiele mit diesem faktischen Reichtum versehen und dafür in diesem Jahrgang das Motto »Bogotá es Brahms, Schubert, Schumann« ausgerufen. Und es vollends erfüllt.

Wer ist dieser Einladung nicht alles gefolgt - ob die vier einheimischen Orchester, ob die drei gastspielenden Ensembles aus Europa, ob namhafte Ensembles wie das Mandelring- sowie das Modigliani-Quartett oder Solisten wie Lise de la Salle, Iris Vermillion und Christoph Prégardien, ob Dirigenten wie Ari Rasilainen oder Robert Trevino und viele, viele andere.

Neben dem Sinfonie-Orchester Antwerpen und der Philharmonie Konstanz gastierte auch das Dresdner Festspielorchester in der Zehn-Millionen-Stadt und absolvierte bei seinem ersten Auslandsgastspiel gleich drei Konzerte im Zeichen von Brahms, Schubert und Schumann. Unter Leitung des spanischen Dirigenten, der durch regelmäßige Auftritte auch in Sachsen bestens bekannt ist, in Halle GMD war und im Sommer das Moritzburg-Festival-Orchester dirigieren wird, erfolgte der Auftakt in Bogotá. In Robert Schumanns 2. Sinfonie sowie in der »Nänie« op. 82 und dem »Schicksalslied« op. 54 von Johannes Brahms wurde das Publikum im Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo (so benannt nach dem Initiator des vor neun Jahren eröffneten Kulturzentrums) mit historischer Musizierpraxis auf alten beziehungsweise nach originalem Vorbild entstandenen Instrumenten überrascht. Denn der 2012 als »Botschafter« der Dresdner Musikfestspiele gegründete Klangkörper vereint Spitzenkräfte der historisch informieren beziehungsweise der nach eigenen Angaben authentischen Musikweise aus mehreren europäischen Ensembles und hat sich dem Originalklang verschrieben. Deutsche Romantik auf Darmsaiten, gepaart mit »natürlichem« Bläserklang - das hat sich deutlich abgehoben von den Interpretationen der anderen Gastorchester sowie der einheimischen Philharmonie Bogotá, dem Nationalen Sinfonieorchester Kolumbiens und der Jungen Philharmonie Bogotá.

Klangfrische, sowieso Spielfreude und die in dieser Form offenbar ungewohnte Durchhörbarkeit der Musik haben das durchweg sehr neugierige und interessierte Publikum mehr als überzeugt, Jung und Alt reagierte begeistert. Das wiederholte sich auch in den folgenden, von Johannes Klumpp dirigierten Konzerten des Dresdner Festspielorchesters. Da gab es neben der Tragischen Ouvertüre von Brahms und der 7. Sinfonie von Franz Schubert Schumanns Cello-Konzert mit dem Solisten Jan Vogler, der bei seinem ersten kolumbianischen Auftritt mit einer risikofreudig und schwungvoll dargebotenen Interpretation seines »Schicksalskonzertes«, wie er es gerne bezeichnet, für große Faszination sorgte, der er nur mit einer Bach-Zugabe Herr werden konnte. Bach geht schließlich immer - und verbindet Europa mit der ganzen Welt.

Aber auch »Ein deutsches Requiem« von Johannes Brahms hat in Südamerika für Furore gesorgt und im Abschlusskonzert von »Bogotá es Brahms, Schubert, Schumann« gar für stehende Ovationen gesorgt. Das Festspielorchester konnte hier auf die Mitwirkung der spanischen Solisten Elena Copons (Sopran) und José Antonio López (Bariton) sowie des kolumbianischen Opernchores und des Philharmonischen Jugendchores setzen und gestaltete dieses Finale zu einem musikalischen Höhepunkt, der die künstlerische Qualität des gesamten Festivals ebenso wie dessen Internationalität noch einmal deutlich hervorhob.

Die etwa 1.300 Konzertbesucher im ausverkauften Großen Saal des Teatro Mayor haben es deutlich gemacht: Die musikalische Botschaft der Romantiker Brahms, Schubert und Schumann (auch Clara wurde gefeiert und war mit ihrem Konterfei auf allen Plakaten und Programmen präsent) kam in Bogotá bestens an. Wenn es in zwei Jahren dann heißt, »Bogotá es Barock«, dürfte die Nachfrage nach Originalklang womöglich schon eine Selbstverständlichkeit sein.

Teatro Mayor
Foto: Michael Ernst

 

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