28.06.2019

Nachruf auf Stefan Fritzen

Am 31. Mai 2019 ist Stefan Fritzen von uns gegangen.

Mit diesem freundlichen Lächeln haben ihn die meisten, die ihn gut kannten, in Erinnerung. Wir verlieren in ihm den langjährigen Künstlerischen Leiter der Bläserphilharmonie, einen kompetenten und landesweit geschätzten Juror und Dozenten, einen wertvollen Kollegen und aufmerksamen Mitmenschen.

Stefan Fritzen ist mit seiner Biografie ein Beispiel deutsch-deutscher Teilungsgeschichte. Am 29. Mai 1940 in Rötha (Sachsen) geboren, beginnt er mit 18 Jahren Posaune und Chorleitung in Ostberlin an der Musikhochschule »Hans Eisler« zu studieren. 1961 wird er in das von Kurt Sanderling geleitete Berliner Sinfonieorchester aufgenommen, 1973 wechselt er in die Staatskapelle Dresden und bleibt dort bis 1980. Ende der 70ger trifft ihn ein harter Schicksalsschlag: er erkrankt, so dass er seinen Beruf als Soloposaunist aufgeben muss. Die Anerkennung als Berufserkrankung bleibt ihm verwehrt. Mit seiner Frau empfindet er sich zunehmend als »abgeschnitten« und als »Feind des Sozialismus« stigmatisiert. Fast zwangsläufig geschieht so der Bruch – 1986 findet das Ehepaar Fritzen in Mannheim einen neuen Anfang, neuen Sinn und Ziele fürs Leben. Stefan Fritzen prägt die Mannheimer Bläserphilharmonie zu einem Spitzenensemble und wird in Mannheim 2005 für dieses Lebenswerk mit der Schillerplakette gewürdigt. Und doch zieht es den rüstigen Senioren zurück in die Heimat Sachsen. In Dresden sind die Reviere abgesteckt, seine Ankunft in der Stadt ist nicht unumstritten, man kennt seine Kompetenzen und seine Energie, man fürchtet wohl auch ein wenig seine unbequeme Geradlinigkeit und seine Kraft als Konkurrent im Werben um junge musikalische Talente. Ich persönlich hörte den Namen regelmäßig, ohne in der Person einen so interessanten Musikpädagogen und Dirigentenkollegen zu vermuten. Die Empfehlung, ihn als Dozenten zum Landesjugendorchester Sachsen einzuladen, brachte uns die persönliche Begegnung und eine sofortige kollegiale Zuneigung, weil wir die gleiche Sprache nutzten.

Voller Dankbarkeit schaue ich zurück, auf die wiederholte Zusammenarbeit beim LJO und in verschiedenen Jurys. Seine Probenarbeit zu beobachten, kam einer Weiterbildung in Methodik gleich. Seine Ansagen an die Musiker konnten nicht selten die Ausmaße von Kurzvorträgen annehmen, das Musikalische überschritt auch gern die Grenze zum Philosophischen. Wer Inhalte suchte wurde belohnt, wer einfach spielen wollte musste sich etwas in Geduld üben – profitiert haben stets alle.

Wieder gelang es ihm, nun mit der Dresdner Bläserphilharmonie ein Laienensemble zu entwickeln und zu prägen, dass in Klangkultur und vor allem im dramaturgischen Anspruch ein Alleinstellungsmerkmal in der Stadt einnimmt. Auch hier wieder führte seine Geradlinigkeit in der Planung von Konzertprogrammen, die sinfonische Blasmusik als ernst zu nehmendes Genre, fern einer banalen Unterhaltungsmusik, zu etablieren halfen, zu großen Erfolgen. Die ausverkauften Konzerte im neuen Saal des Kulturpalastes sprechen für sich.

Wünschen wir der Bläserphilharmonie, dass sie dieses Vermächtnis erfolgreich weitertragen kann. Stefan Fritzen hat bis ins hohe Alter gewirkt und hatte noch immer weiterführende, ambitionierte Pläne, die nun in seinem Sinne Wirklichkeit werden dürfen.

Wir trauern mit allen Angehörigen, mit den Musikerinnen und Musikern der Bläserphilharmonie, die ihm in letzter Zeit besonders nahestanden und behalten ihn in unseren Herzen und im Gedächtnis. Wir gedenken eines treuen, leidenschaftlich engagierten Kollegen. 

Milko Kersten
14. Juni 2019

Stefan Fritzen
Foto: Armin Koch

 

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